Fragiler Schutz

Bei der UN-Friedensmission im Südsudan

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Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog Junge UN-Forschung.

Gedrungene, dunkelgrüne Bäume sprenkeln die weite Ebene unter uns, die sich kaum zu einer Ansammlung verdichten, welche die Bezeichnung Wald verdiente. Nur selten tauchen strohbedeckte Hüttenrunden in dem Muster auf, begleitet von weißen Punkten: Kühe sind das Ein und Alles hier: Lebensunterhalt, Statussymbol, Konfliktanlass.

Ich bin im Südsudan, dem jüngsten Staat der Erde. Den weißen Nil immer im Blick befinden wir uns im Anflug auf Bor, die Landeshauptstadt von Jonglei, dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat des Landes. Im weißen UN-Helikopter sitzen sich Offiziere und Zivilisten aus Indien, Australien, der Schweiz und anderen Ländern gegenüber. Meine beiden Kollegen und ich wollen in den kommenden Tagen herausfinden, wie die UN Mission im Südsudan (kurz UNMISS) zur Bearbeitung lokaler Konflikte beiträgt. Dafür besuchen wir zivile Teams an drei Standorten; Bor ist unser erster Stopp.

Sanft setzt der Hubschrauber auf dem planierten, nicht geteerten Rollfeld auf. Kaum ausgestiegen begrüßt uns Erik, ein gut gelaunter Endfünfziger aus Schweden, der uns in den kommenden Tagen auf vielen Treffen begleiten wird. Die Vereinten Nationen haben ihr Camp direkt gegenüber vom Flughafen errichtet. In immer-gleichen weißen Containern arbeiten und schlafen die Mitarbeiter der Mission. Um die Büros und Wohneinheiten herum haben die militärischen Kontingente ihre Lager aufgeschlagen. Neben Offizieren und kleineren Einheiten aus vielen verschiedenen Ländern sind das vor allem vier Länder: ein indisches und ein äthiopisches Bataillon, eine koreanische Ingenieurseinheit und ein sri lankisches Militärkrankenhaus. Insgesamt sind im dem Land, das ungefähr so groß wie Frankreich ist, über 11.200 Soldaten für die Vereinten Nationen stationiert, dazu etwa 2.300 zivile Mitarbeiter und 1.100 Polizeikräfte.

Seit der Unabhängigkeit im Juli 2011 hatte der Südsudan kaum Zeit, zur Ruhe zu kommen. Insbesondere in Jonglei fanden wiederholt Kämpfe zwischen bewaffneten Gruppen und Regierungseinheiten statt. Bewegungen von Militäreinheiten sind dabei weitgehend auf die vielleicht viermonatige Trockenzeit begrenzt. Wenn es anfängt, dauerhaft zu regnen in dieser sumpfigen, flachen Gegend, werden weite Gebiete überschwemmt. Der Boden wird derart zäh, dass kein landgetriebenes Fahrzeug durchkommen kann. Selbst mit Gummistiefeln bleibe man häufig stecken: im Grunde könne man in solchen Situationen nur barfuß laufen, hatte uns ein ehemaliger UN-Mitarbeiter in Berlin erzählt.

Das gesamte Land stürzte in eine tiefe Krise, als am 15. Dezember 2013 ein Machtkampf zwischen dem Präsidenten Salva Kiir und seinem langjährigen Weggefährten und ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar außer Kontrolle geriet. Binnen kürzester Zeit nahm der politische Streit eine ethnische Dimension an, da Kiir und Machar unterschiedlichen Volksgruppen angehören und diese innerhalb der Regierungsarmee mobilisierten. Im Zuge dessen töteten Einheiten, welche der Gruppe des Präsidenten angehören (Dinka), Zivilisten der Nuer in Juba, welche sie der Sympathie mit dem als Putschisten geschassten Machar beschuldigten. Innerhalb weniger Tage weitete sich der Konflikt auf andere Teile des Landes aus; Gegenden, in denen viele Nuer leben, wurden zur Basis der bewaffneten Opposition unter Machar. Auch in Bor fanden heftige Kämpfe statt. Die Stadt wechselte die Kontrolle zwischen Regierung und Opposition viermal innerhalb weniger Wochen.

In den umkämpften Gebieten fürchteten viele Menschen um ihr Leben. Ihre eigene Regierung wandte sich gegen sie. Wo würden sie noch sicher sein? Die blaue Fahne der Vereinten Nationen versprach Rettung. Zu tausenden strömten Menschen im Dezember 2013 zu den Lagern der UN-Mission. Vor die Wahl gestellt, verantwortlich für die Versorgung von tausenden von Menschen zu sein oder zuzusehen, wie diese vor ihren Augen abgeschlachtet würden, ordnete die damalige Leiterin von UNMISS, die Norwegerin Hilde Johnson, an, die Tore zu öffnen. Auch das Lager in Bor öffnete seine Tore. „Am ersten Tag kamen 2.000, am zweiten waren es bereits 16.000 Menschen auf unserem Gelände“, erzählt uns ein UN-Mitarbeiter an unserem ersten Abend. „Wir waren nicht dafür ausgerüstet. Wir hatten kein Essen, keine Unterkünfte für diese Menschen.“ Wegen der Kämpfe wurden gleichzeitig viele Mitarbeiter von Hilfsorganisationen evakuiert: „Wir waren auf uns selbst gestellt in den ersten Tagen“, sagt er.

Anderthalb Jahre später sind viele Flüchtlinge immer noch da. Mittlerweile versorgen die Vereinten Nationen etwa 130.000 Menschen auf dem Gelände ihrer Stützpunkte im Südsudan (in Bor sind es noch etwa 2.400). Nie zuvor in ihrer Geschichte hat die Organisation so viele Personen über so einen langen Zeitraum direkt geschützt.

Straße zwischen Bor Town und den UNMISS Lager. Hier kam der gewaltsame Mob am 17. April 2014 entlang.

Am nächsten Morgen fahren wir mit Erik die breite Straße runter in die Stadt. Kühe säumen den Weg, Büros von internationalen Hilfsorganisationen und verlassene Villen lokaler Größen. Die meisten Einwohner von Bor wohnen in traditionellen Lehmhütten, die über ein weites Gebiet um die Hauptstraßen verteilt sind. Im Zentrum brummen Marktstände mit Leben, deren Auswahl allerdings auf wenige Güter wie Reis, Bohnen, Mehl, Tomaten, Zwiebeln, Okraschoten und weitere weitgehend importierte Güter beschränkt ist. Dazu kommt die hohe Inflation – ein kleines Bündel Zwiebel kostet schon mal 25 südsudanesische Pfund, über zwei Euro.

Wir treffen einen Minister der Landesregierung, der zum Einstieg betont, es gäbe keine Konflikte mehr in Jonglei, nur noch ab und an kriminelle Aktivitäten. Ja, die Rebellen kontrollieren einen erheblichen Teil im Norden von Jonglei, aber im Grunde ginge es dabei nur um politische Macht in der Zentralregierung in Juba. „Wir wollen Botschaften des Friedens im gesamten Land verbreiten“, sagt er. Wie ernst er es damit meint, bleibt unklar.

Die Wunden sitzen tief, gerade hier in Bor. Die Regierungsarmee vertrieb die Opposition aus der Stadt, was Flüchtlingen anderer Ethnien und nationaler Herkunft erlaubte, das UN-Lager zu verlassen. Nur die Nuer, welche der gleichen Volksgruppe wie die Rebellen angehören, blieben, weil sie Übergriffe von Regierungskräften gegen sie fürchteten. Die Beziehung zwischen der überwiegend von Dinka bewohnten Stadt und den Flüchtlingen blieb angespannt: Nuer wurden regelmäßig belästigt und angegriffen, wenn sie das Lager verließen. Als Berichte in Bor eintrafen, dass Nuer-Flüchtlinge in einer nördlichen Stadt des Landes dessen Eroberung durch die Opposition gefeiert hätten, griff die Stimmung über.

Ein UN-Bericht detailliert, was am 17. April 2014 geschah: Morgens sammelte sich eine aufgebrachte Menge von hundert bis dreihundert jungen Männern, die sich mit Gewehren und Stöckern ausgestattet in einem Zug von der Stadt auf das UN-Lager zu bewegten. Sie umrundeten das Lager und gelangten zur der Seite, wo sich das Flüchtlingslager befand. Etwa zwanzig Männer überwanden den Zaun, Graben und Stacheldraht-bewehrten Wall, übermächtigen die Wache schiebenden UN-Soldaten und ließen mehre Dutzend weitere Männer herein. Die Angreifer gingen von Zelt zu Zelt, raubten die Insassen aus, schlugen sie und raubten Frauen. Sofern sie ihre Opfer nicht an den für Nuer typischen Gesichtsnarben erkannten, fragten sie ihre Opfer, welcher Volksgruppe sie angehörten und droschen auf sie ein, wenn diese nicht in Dinka antworten konnten. Der Angriff ebbte erst ab, als etwa eine halbe Stunde später eine schnelle Eingreiftruppe der UN einrückte.

47 Menschen starben in Folge dieses Angriffs innerhalb des UN-Lagers, und dass, obwohl sie „umgeben von Panzern“ waren, wie uns der hagere Vorsitzende des Flüchtlingsrats innerhalb des Lages später erzählt. Wieder einmal waren die Erwartungen auf Schutz und Sicherheit durch die blaue Flagge der Vereinten Nationen aufs Bitterste enttäuscht worden. Bis zum heutigen Tag ist keiner der Täter zur Rechenschaft gezogen worden.

Gut ein Jahr später gibt es jedoch auch Zeichen der Hoffnung. Ein lange schwelender Konflikt zwischen einer bewaffneten Gruppe einer dritten Volksgruppe, den Murle, konnte letztes Jahr beigelegt werden. Erst vor kurzem gab es eine weitere politische Annäherung auf Landesebene mit einem hochrangigen Treffen von Vertretern der ehemaligen Murle-Rebellen und der Landesregierung. Während in anderen Bundesstaaten des Südsudan sich die Opposition um Machar und die Regierungsarmee gerade Gefechte liefern, ist es in Jonglei relativ ruhiger. In einigen Gebieten mit traditionell gemischter Dinka-Nuer Bevölkerung scheint es vorsichtige Annäherungen zu geben. Die Vereinten Nationen unterstützen diese Prozesse nach Kräften. Ihr Zugang zu den Rebellengebieten ist allerdings sehr begrenzt.

Die Vereinten Nationen haben eine große Verantwortung übernommen für die Flüchtlinge, die direkt in ihren Lagen leben. Sie versprechen ihren Schutz, aber greifen teilweise nicht entschieden genug ein, wenn es darauf ankommt. Mittlerweile bindet der Schutz der eignen Lager und der angeschlossenen Flüchtlingslager über drei Viertel der militärischen Ressourcen und einen Großteil der humanitären Hilfe – dabei leben die allermeisten Flüchtlinge und Hilfsbedürftigen außerhalb der Lager, häufig in schwer zugänglichen Gegenden. Schwierige Entscheidungen stehen bevor.

Leise schlägt der Regen auf die Fensterscheiben. Wir fliegen zurück nach Juba, unsere Zeit in Bor ist zu Ende. Die Soldaten, Offiziere, humanitären Helfer und zivilen Mitarbeiter der UN Mission werden jedoch noch lange bleiben müssen.

Dieser Text gibt ausschließlich die Meinung des Verfassers wieder und entspricht weder notwendigerweise der Einschätzung der Vereinten Nationen noch von GPPi.

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Wie eine Mango – unterwegs im Norden Sri Lankas

Nach drei Jahren war ich im März 2014 wieder für eine Woche im Norden Sri Lankas unterwegs.

Gleichmäßig tuckernd saust der Zug an knorrigen Bäumen und roter Erde vorbei. Ich befinde mich auf der Rückfahrt meines Ausflugs in die Nordprovinz Sri Lankas. In vier Tagen besuchte ich die ehemalige Hauptstadt der Tamil Tiger Rebellen Kilinochchi, die Orte der letzten Auseinandersetzungen zwischen Armee und Rebellen um PTK und Mullaitivu, das kulturelle Zentrum der Tamilen in Jaffna und zwei Inseln im äußersten Nordwesten des Landes, Delft und Nanaitivu.

Zerstörtes Haus am Rande der A35 auf dem Weg nach Mullaitivu
Zerstörtes Haus am Rande der A35 auf dem Weg nach Mullaitivu

Seit meinem letzten Besuch in Jaffna, damals auf Dienstreise mit der deutschen Botschaft, sind genau drei Jahre vergangen. Viel ist in dieser Zeit über die Situation in Sri Lanka geschrieben und gesagt worden, doch ich wollte endlich die Lage selbst sehen, wenn auch in der Kürze der Zeit erzwungenermaßen oberflächlich. Welche Spuren des Krieges und der Rebellen sind noch zu erkennen? Wie hat sich die wirtschaftliche Lage verändert?

Kilinochchi, das nach harten Kämpfen am 2. Januar 2009 an die Sri lankische Armee fiel, lässt jeglichen Hinweis auf die immerhin knapp fünfzehnjährige Existenz des Proto-Staates Tamil Eelam vermissen. Selbst der Krieg scheint fern – zerstörte Häuser sind äußerst selten, nur ein von der LTTE zerstörter Wassertank und ein Mahnmal der Armee erinnern direkt daran. Stattdessen dominiert die vierspurig ausgebaute Hauptverbindungsstraße zwischen Norden und Süden das Stadtbild. Genau wie die Zugstrecke wurde sie erst letztes Jahr wieder eröffnet. Jede Menge kleiner Läden säumen die Straßenränder. Zwei Kinderparks, von USAID und der Sri lankischen Armee, bieten Freizeitausgleich an. An den Verwaltungsgebäuden scheint die Farbe gerade getrocknet zu sein. Doch je länger ich durch die Stadt laufe, kommt mir das alles seltsam vor. Es scheint, als wäre die ganze Stadt mit wahrscheinlich mehreren zehntausend Einwohnern erst vor fünf Jahren gegründet worden. Es fällt schwer, irgendein Haus zu finden, das offensichtlich älteren Datums ist. Es ist eine Stadt ohne Seele.

Hauptstraße in Kilinochchi
Hauptstraße in Kilinochchi

Mit dem Tuk-Tuk mache ich mich auf den Weg Richtung Osten, wo die letzten Gefechte im Frühjahr 2009 ausgetragen wurden. Die Tamil Tigers hatten nach dem Fall Kilinochchis die Zivilbevölkerung gezwungen, sich mit ihnen zurück zu ziehen. In einem stetig schrumpfenden Gebiet waren auf diese Weise etwa 300.000 Zivilisten (exakte Zahlen sind heftig umstritten) den Kämpfen ausgeliefert. Das Kalkül der Rebellen, durch die damit verbundenen zivilen Opfer die Unterstützung und Intervention (auf welche Weise auch immer) der internationalen Gemeinschaft zu erlangen, scheiterte katastrophal. Nicht zuletzt kümmerte die Regierung sich herzlich wenig um die laute Rhetorik des Westens so kurz vor dem Ziel.

Auf dieser Straße war die Armee vorgerückt. Irgendwann sagt der Fahrer zu mir: “Here, war. Hundred people killed.” Diese Realität passt wenig mit der offiziellen Linie der Armee zusammen. Bei Puthukkudiyiruppu (PTK) hatte die Armee die erste “No Fire Zone” errichtet. In diese sollten die Zivilisten fliehen, aber Artillerieschüsse trafen Krankenhäuser und andere zivile Ziele hier trotzdem. In der Nähe hat die Armee heute ein “war Museum” eingerichtet, in dem sie Kriegsgerät der Rebellen ausstellen. Darunter sind auch kleine U-Boote, Schnellboote für Selbstmordattentate, Torpedos und Raketenwerfer. Die LTTE galt als eine der professionellsten Rebellengruppen der Welt. Auch Teile ihrer kleinen Luftwaffe werden ausgestellt. Diese als unbezwingbar geltende Gruppe hat also die heroische Sri lankische Armee in einer “Humanitarian Rescue Operation” besiegt. Eine kleine Ausstellung zeigt Bilder und schematische Truppenbewegungen, mit ausschließlich singalesischem Kommentar. Nebenan zeigt ein martialisches “Siegerdenkmal” einen überlebensgroßen Soldaten, der stolz sein Gewehr hoch reißt. Damit auch hier keine Missverständnisse aufkommen, wessen Sieg gemeint ist, hat die Armee die tamilischsprachige Plakette ausgelassen.

Siegesdenkmal bei PTK
Siegesdenkmal bei PTK

Zuletzt kommen wir an den Strand, an dem immer noch rund 250.000 Zivilisten ausharren mussten im April und Mai 2009. Fast kein Baum spendet hier Schatten, die Vegetation überdeckt die immer noch sichtbaren Einschlagskrater und Hinterlassenschaften der Vertriebenen nicht vollständig. Es ist ein bizarres Bild: feinster weißer Sandstrand lädt zum Baden ein, während direkt dahinter das Brachland des Schlachtfelds liegt. An diesem Punkt hatten sich die beiden aus gegensätzlichen Richtungen vorstoßenden Divisionen vereint und damit den noch verbliebenen wenigen hundert Rebellen mit ihrer Führung den Fluchtweg versperrt. Heute leben hinter dem Strand einige Familien in noch nicht fertig gestellten Häusern.

Die Situation im Norden ist wie eine Mango, sagte ein Tamile, den ich in Jaffna treffe. Von außen sieht alles herrlich frisch und neu aus, und erst wenn man die Mango aufschneidet, erkennt man, dass sie faul ist. Die wirtschaftliche Entwicklung, die ich sehen kann, ist in der Tat sehr beachtlich. Wo vor drei Jahren kaum Autos fuhren und der Markt in Jaffna kaum über Lebensmittel hinausging, erhebt sich jetzt eine Mall mit Kino und KFC Restaurant. Die gleiche Straße, die ausgestorben und voller Kriegsschäden war, hat jetzt neue Hotels, Restaurants und Einkaufsläden.
Gleichzeitig besetzt die Armee mit ihren vielen Kasernen und Baracken immer noch viel Land im Norden, das die eigentlichen Besitzer nicht bewirtschaften können. Abends machen sich einige Soldaten über die zahlreichen Kriegswitwen her, sagt der Tamile. Und Kriegsdenkmäler feiern stets auf die ein oder andere Weise den “Sieg über den Terrorismus”. Öffentliche Trauer, zumal über getötete Rebellen, ist nicht vorgesehen. Die Armee hat alle “Heldenfriedhöfe” der LTTE eingeebnet.

An diesem Strand fanden die letzten Auseinandersetzungen im Mai 2009 statt
An diesem Strand fanden die letzten Auseinandersetzungen im Mai 2009 statt

Doch noch in einem dritten Aspekt gleicht der Norden der einheimischen Mango. Es ist eine zutiefst sinnliche Erfahrung hier zu reisen. Die Landschaft ist von rauer, nicht selten atemberaubender Schönheit. Palmen, Palmyra und Wasserbecken, an deren Rändern Kühe grasen, beherrschen das trockene und flache Land. An Wasserlöchern im Distrikt von Mullaitivu labt sich eine Herde Wasserbüffel in der tief roten untergehenden Sonne. In Delft sind die Grundstücke mit kleinen Mauern aus Korallen eingefasst, während wilde Pferde über die Ebenen traben. Gott hat das Land noch nicht verlassen.

EINE “KULTUR DER WAHRHEIT”?

Chancen und Grenzen des neuen Wissenschaftlichen Beirats des UN-Generalsekretärs

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Vorstellung des Wissenschaftlichen Beirats im Auswärtigen Amt, (c) photothek/Gottschalk
Vorstellung des Wissenschaftlichen Beirats im Auswärtigen Amt, (c) photothek/Gottschalk

Die Vereinten Nationen bewegen sich auf ein Jahr der Weichenstellungen hin. 2015 sollen unter anderem die Nachfolgeziele der Millenniumentwicklungsziele (MDGs) von einem Sondergipfel im September verabschiedet werden; die UN-Generalversammlung will einen erneuten Versuch wagen, den Sicherheitsrat – nun aber wirklich – zu reformieren und in Paris soll ein rechtlich verbindliches Abkommen zur Bewältigung des globalen Klimawandels verabschiedet werden.

Angesichts dieser Agenda kann der UN-Generalsekretär jede Unterstützung gebrauchen. Zur wissenschaftlichen Flankierung des politischen Ringens um tragfähige Kompromisse hat Ban Ki-Moon einen Wissenschaftlichen Beirat (Scientific Advisory Board, SAB) ins Leben gerufen. Diesem gehören 26 namhafte Wissenschaftler_innen aus der ganzen Welt an. Der Beirat, der auf eineEmpfehlung des Panels for Global Sustainability (unter Vorsitz der Präsidenten Finnlands und Südafrika) zurückgeht, feierte am Donnerstag, 30.01.2014, seine konstituierende Sitzung im Auswärtigen Amt in Berlin.

Aufgaben und Relevanz noch zu klären

Die genauen Aufgaben des „höchsten Wissenschaftsgremiums der Welt“ (Spiegel Online) sind allerdings noch recht vage gehalten. Grundsätzlich soll es den Generalsekretär und die anderen Leiter von UN-Organisationen in Wissenschaftsfragen beraten. Thematisch soll es sich schwerpunktmäßig mit nachhaltiger Entwicklung beschäftigen und dabei in der Tat den Post-MDG-Prozess unterstützen, dessen Bedeutung Ban in seiner Rede in Berlin unterstrich.

Ob es dem Beirat dabei gelingt, die Rolle von wissenschaftlichen Erkenntnissen in den Entscheidungsfindungsprozessen der Vereinten Nationen zu erhöhen, wie die offizielle Aufgabenbeschreibung formuliert, bleibt noch abzuwarten. Das Gremium trifft sich zweimal im Jahr und bestimmt seine genaue Agenda (neben der Bearbeitung konkreter Aufträge des Generalsekretärs) selbst. In welcher Form es sich dann äußert – Berichte, Stellungnahmen oder Analysen – muss es erst noch entscheiden. Impulse zu aktuellen Entwicklungen sind so nur sehr bedingt möglich, zudem es bislang keine_n Leiter_in oder Untergremien gibt. Immerhin stellt die UNESCO als wichtigste mit Wissenschaft befasste Sonderorganisation dem Beirat ein Sekretariat zur Verfügung.

Der Beirat muss also seine eigene Relevanz noch unter Beweis stellen. Gerade im Bereich Nachhaltigkeit haben die Vereinten Nationen hochrangige und erfolgreiche Wissenschaftsgremien, welche die aktuellen wissenschaftlichen Ergebnisse zum Klimawandel (IPCC) und biologischer Vielfalt (IPBES) zusammenstellen und in die jeweiligen politischen Entscheidungsgremien hineintragen. Nicht zufällig sind die beiden Leiter dieser Gremien auch Mitglieder im SAB. Dazu wird der Prozess der Millenniumsentwicklungsziele von einem weiten Spektrum von regelmäßigen Indikatoren und Berichten begleitet, welches die globale Diskussion um Armutsbekämpfung und Entwicklungszusammenarbeit auf eine neue Ebene gehoben hat.

Diese Tiefe kann und soll der Beirat nicht erreichen. Ihm geht es vielmehr um einen „holistischen“ Ansatz, wie Ban in Berlin unterstrich. Anstatt einen Forschungsstand aufzuarbeiten soll das SAB das „verstreute Wissen“, so UNESCO-Generaldirektorin Bokova, zusammenbringen und in eine politikverständliche Sprache verpacken. Daher sind die im Beirat vertretenen Disziplinen recht vielfältig. Neben Biologen, Chemikern und Physikern finden sich dort auch eine Politikwissenschaftlerin (Maria Ivanoya aus Bulgarien, die in den USA lehrt) und ein Historiker (Sir Hilary Beckles aus Barbados). Für Innovation soll dabei auch Hayat Sindi sorgen, die in Jedda (Saudi-Arabien) ein „Institut für Vorstellungskraft und Einfallsreichtum“ leitet (dahinter verbirgt sich vor allem die Förderung sozialen Unternehmertums). Aus Deutschland sitzt der Mikrobiologe Jörg Hacker im Beirat, Vorsitzender der Leopoldina, der Deutschen Akademie für Naturforscher in Halle.

SAB Banner

Wissenschaft ist stets umkämpft

Es klingt in der Tat bestechend. Wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse sollten stets die Grundlage vernünftiger Politik sein. Moderator Ranga Yogeshwar ging noch einen Schritt weiter und fragte, ob nicht die in der Wissenschaft vorherrschende „Kultur der Wahrheit, nach der wir Wissenschaftler alle streben“ auch richtungsweisend für die häufig zerstrittene Politik sein könne.

Eine Wahrheit als Ziel der Wissenschaft oder gar der Politik? Hier taten sich doch Abgründe auf. Wissenschaft lebt von der kontroversen Diskussion. Die meisten Erkenntnisse, sowohl in Natur- als auch in Geistes- und Sozialwissenschaften, sind eben nicht wie das Gesetz der Schwerkraft, das Yogeshwar als Beispiel nannte. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der wissenschaftlichen Gemeinschaft, Forschungsergebnisse zu überprüfen und immer wieder kritisch zu hinterfragen. Nicht zuletzt die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Weltklimarat IPCC hat die Bedeutung und politische Relevanz von Szenarien, die verschiedene mögliche Entwicklungen basierend auf unterschiedlichen Annahmen durchrechnen, gezeigt. Wissenschaft kann (wenn überhaupt) nur Wahrscheinlichkeiten bestimmen.

Selbst etablierte Wissenschaftler machen Fehler, mit teilweise fataler Wirkung. Der IPCC gab eine falsche Prognose für die Gletscherschmelze im Himalaya heraus, die nur auf einem Interview und nicht auf erhobenen Daten basierte. Zwei Harvard-Ökonomen machten Fehler in einer Excel Tabelle und kamen so zu dem Schluss, Länder mit einer hohen Staatsschuldenquote hätten stets ein niedrigeres Wachstum zu erwarten –  in der Finanzkrise müssten Regierungen also möglichst stark auf einen Sparkurs setzen im Vergleich zu schuldenfinanzierten (keynesianischen) Konjunkturpaketen.

Daher ist also Vorsicht geboten vor der Vorstellung, Politik könne nur eine Sachentscheidung auf der Basis wissenschaftlicher Fakten sein. Insbesondere wenn es um politische Handlungsempfehlungen geht, sind stets Wertentscheidungen mit von der Partie. Welche Kosten z.B. bei der Bewältigung des Klimawandels sollen zukünftige Generationen tragen, welche sind kurzfristig vermittelbar? Wie bewerten wir den unsicheren zukünftigen Nutzen aus noch unentdeckten Pflanzenarten in einem Naturschutzgebiet (also den Erhalt biologischer Vielfalt) gegenüber einer Industriepolitik, die mit zur Armutsbekämpfung beitragen kann? Gute (und transparente) Kommunikation, so IPCC-Vorsitzender Pachauri, ist also ganz entscheidend. Dies gilt gerade auch für die auch wissenschaftlichen Empfehlungen zu Grunde liegenden Wertentscheidungen.

Gelegenheit der Vernetzung und Impulssetzung

Auf diese Fragen wies auch die sechsköpfige Gruppe „junger Wissenschaftler“ hin, die zum Abschluss ein eigenes Statement verlasen. Als jemand, der sich für die Vernetzung von Nachwuchswissenschaftler_innen im Bereich Vereinten Nationen einsetzt, freute es mich natürlich ganz besonders, dass junge Wissenschaftler zu Wort kamen (auch wenn nicht klar war, wie diese ausgewählt worden waren). Ganz gleich, welche Entscheidungen ihr trefft und welche Empfehlungen ihr gebt, so die Botschaft, „wir werden die Konsequenzen erben.“

Die privilegierte Position eines Wissenschaftlichen Beirats des UN-Generalsekretärs bringt somit auch eine nicht unerhebliche Verantwortung mit sich. Neben seiner eigentlichen Beratungsfunktion kann der Beirat also möglicherweise auch einige Impulse für die Wissenschaftspolitik setzen. Wissenschaft auf der ganzen Welt inklusiver gestalten und das Gespräch mit der Öffentlichkeit suchen, sei so eine Aufgabe, forderten die jungen Wissenschaftler. Daten und Ergebnisse müssten für alle frei zugänglich sein und Wissen transparent gemacht werden.

Um dies leisten zu können, müsste der Beirat jedoch eine vernehmbare Stimme erhalten. Dazu müsste er auch mit anderen Organen der Vereinten Nationen, insbesondere der Generalversammlung und ihrem Präsidenten, zusammen arbeiten können. Er sollte nicht nur für den Generalsekretär, sondern auch für die Mitgliedstaaten bereit stehen und sich zu spezifischen Fragen im Rahmen des Post-MDG-Prozesses äußern können. Wenn dies gelingt, könnte er durch die Art und Weise seiner „ganzheitlichen“ Beratung einen kritischen, offenen Umgang mit wissenschaftlichen Ergebnissen weltweit einfordern und somit als Multiplikator und Vorbild für die internationale Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik dienen.

The UK and Sri Lanka: avoiding pitfalls in engaging war crimes allegations

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Turning “credible” progress on accountability for alleged war crimes in Sri Lanka into a signature issue, British Prime Minister David Cameron needs to reflect the British role as former colonial master more strongly. The prospects for a renewed international engagement of Sri Lanka on this issue are quite promising, if Cameron and other like-minded leaders avoid three central pitfalls and support the South African initiative for a Truth and Reconciliation Commission.

At the biennial Commonwealth Heads of Government meeting that took place 15-17 November, British Prime Minister David Cameron delivered a stern message to the Sri Lankan hosts: get clean on allegations of war crimes or face an international inquiry. He even set a deadline: March 2014, when the UN Human Rights Council is due to discuss progress made by the Sri Lankan government on achieving accountability for the horrific allegations of war crimes and crimes against humanity during the last phase of the war in 2009. With this, Cameron turned Sri Lanka into his personal signature issue on which he needs to deliver now.

Allegations of war crimes

The last phase of the three decades long war, which ended in May 2009, saw a massive offensive by the Sri Lankan armed forces against the rebel Tamil Tigers strongholds. The army was closing in on ever more tiny pockets of land, where the rebels held around 300,000 civilians hostage in so-called “no-fire zones.” According to reports by the United Nations, the International Crisis Group and human rights NGOs, both sides committed horrific violations of international humanitarian law in the process of these fierce fights. Since the end of the war, the United Nations Secretary-General and theHuman Rights Council have called for a thorough, independent inquiry into these allegations.

David Cameron at the CHOGM SummittBecause of these allegations, attending the Commonwealth meeting was highly controversial. The Canadian, Indian and Mauritian prime ministers stayed home, and the Labour opposition pressedCameron to follow their example. Mindful of the central British role in the Commonwealth, he vowed to attend. Taking the bull by the horns, Cameron spearheaded the calls for an inquiry. He brought critical British journalists with him and visited the war-torn North of the island country as first foreign leader since 1948. Thus, with Sri Lanka’s past and ongoing human rights violations in the international spotlight, Cameron’s attendance turned the summit into a PR disaster for the Sri Lankan hosts.

Three challenges for the British government

If he is serious about the call for an inquiry into war crimes allegations, Cameron (and any like-minded Western leader) needs to consider three challenges to avoid perceptions of bias and selectivity.

First, he needs to calibrate his rhetoric. He should not underestimate the perception of a former colonial master pressing a small country with little economic importance. At home, the Rajapaksa government is popular among all ethnicities. This is not the least because Rajapaksa delivered what his predecessors had always promised: an end to random attacks by the Tamil Tigers that had terrorized the whole country.

Second, he needs to keep his coalition together. With the Sri Lankan government hyper-sensitized to bilateral pressure from the West, multilateral forums have proved to be most valuable. It was the UN Secretary General’s threat to appoint a UN panel of experts on accountability issues that led Sri Lanka to appoint its own, albeit flawed, Lessons Learned and Reconciliation Commission (LLRC). Australia, that once criticised the Sri Lankan regime as well, has now pledged to assist Sri Lanka in its border management to “stop the boats” of illegal migration, as PM Tony Abbot had campaigned. During the CHOGM, Abbot even expressed some understanding for torture. If you look for a vote in the UN Human Rights Council, make sure you have the required majority (luckily, Australia is not a member).

Third, he should manage expectations about the consequences of an international inquiry. As long as the Rajapaksas are in power, there won’t be a full-scale investigation that includes command responsibility up to the top. International pressure can push the Sri Lankan government to prosecute a few mid-level perpetrators, but not a member of the Rajapaksa family itself. Similarly, any referral of Sri Lanka to the International Criminal Court by the UN Security Council is highly unlikely given China’s support for the regime. The current Kenyan and Sudanese examples of indicted leaders enjoying considerable international support don’t bode well for going for the very top perpetrators as long as they are in power. Outsiders can help to promote an open political climate, but, ultimately, choosing the members of government remains an essentially domestic process.

Prospects for engagement

To be clear, this does not mean giving in to impunity. Eventually, all those responsible for allegations of war crimes and crimes against humanity must be brought to justice. An international, independent Commission of Inquiry established by the UN, a universal organisation, might help to strengthen the credibility of allegations of war crimes among domestic constituencies in Sri Lanka. Even domestic voices otherwise highly critical of foreign meddlingadmit that the Rajapaksa government “brought this situation upon itself“ andthat it was high time he “goaded his government into getting its act together on the human rights front, […] and took steps to implement the Lessons Learnt and Reconciliation Commission recommendations fully.”

Indeed, the Sri Lankan government has announced two concessions since the Commonwealth summit. First, the National Human Rights Commission was tasked with looking into allegations of torture since 2009, to be assisted by the Commonwealth Secretariat. Second, the government started a survey of the whole island to establish a credible number of the Sri Lankans that died or were wounded during the war. While welcome, these measures do not, however, amount to the full and independent inquiry Cameron called for.

In dialogues on human rights and transitional justice, who is demanding changes matters as much as the substance of such claims. After the scandals surrounding the “war on terror”, the Iraq war, the leaks regarding wide-spread surveillance and slow admittance of colonial atrocities, Western powers have decreasing credibility in the Global South on human rights accountability. Indeed, Sri Lankan newspapers are full these days with callsfor Cameron to release the report of the Chilcot inquiry into the Iraq war andstand up to its own human rights violations. President Rajapaksa noted“people in glass houses should not throw stones.”

Thus, the current South African diplomatic initiative for a Truth and Reconciliation Commission in Sri Lanka deserves full support. Apparently, discussing its details was one of South African President Jacob Zuma’s most important motivations to attend the summit. The opposition Tamil National Alliance had been seeking advice on the South African experience for several years, and President Rajapaksa seems to catch on. If Cameron’s pressure contributes to the establishment of such a commission, it would help the troubled island’s society to finally move on.

“Für eine faire Partnerschaft” – der deutsche Beitrag zur UN-Friedenssicherung

UNIFIL field
UNIFIL German peacekeeper on the ship- May 3 2007 UNIFIL photo Jorge Aramburu

(c) UN Photo/Jorge Aramburu

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Deutsche Außenpolitik, betonen Entscheidungsträger gern, sei „Friedenspolitik“– so auch Außenminister Westerwelle bei dem Festakt zur 40jährigen Mitgliedschaft Deutschlands in den Vereinten Nationen. In diesem Sinne setzte er sich auch vehement für eine Reform des UN-Sicherheitsrats und einen ständigen deutschen Sitz ein, zuletzt bei seiner jüngsten Rede während der UN Generaldebatte in New York. Der deutsche Beitrag zur UN-Friedenssicherung gilt dabei beständig als wichtige Rechtfertigung für diesen Anspruch.

Demgegenüber wurde Deutschland bei der Podiumsdiskussion zu diesem Thema bei der DGVN-Fachtagung ein eher schlechtes Zeugnis ausgestellt. Die Diskussion konzentrierte sich insbesondere auf das fundamentale Ungleichgewicht zwischen der Bereitstellung von Finanzmitteln und Personal durch Deutschland. Während Deutschland 7,14% zum aktuellen Haushalt für Friedenseinsätze beiträgt (ca. 538 Mio. US-Dollar, Platz 4), trägt es lediglich 0,26% zum Personal bei (251 Polizisten, Militärexperten und Soldaten, Platz 41). Während die aktuelle Arbeitsteilung zwischen Ländern des globalen Südens (Personal) und OECD-Ländern (Finanzmittel) in der Tat problematisch ist, verfehlte die Diskussion jedoch andere wichtige Aspekte von Prävention, Diplomatie und Analyse ausreichend anzusprechen, bei denen Deutschland leichter einen größeren Beitrag zur UN-Friedenssicherung leisten könnte.

Lernerfolg und weiterer Nachholbedarf bei den Vereinten Nationen

Dass manches Problem nicht angesprochen wurde, lag sicher nicht an dem Input-Referat von Thorsten Benner, Direktor des Global Public Policy Institutes in Berlin (wo ich auch arbeite, full disclosure), in dem er die aktuelle Situation und wichtige Herausforderungen in der UN-Friedenssicherung breit und präzise herausarbeitete. Benner strukturierte seinen Vortrag anhand von drei zentralen Thesen.

Erstens habe die UN wichtige Lehren seit dem Brahimi-Bericht vor dreizehn Jahren gezogen. Missionen werden langfristiger angesetzt, das Sekretariat sei besser und professioneller aufgestellt, Einsätze sind „robuster“ und haben häufiger den Schutz von Zivilisten im Fokus. Regionale Kooperationen spielen zunehmend eine größere Rolle, z.B. in Somalia oder Darfur.

Die höheren Anforderungen an Friedensmissionen führten jedoch zweitens zu einem erheblichen Nachholbedarf in einigen Bereichen. Mangelhaft ist die Bereitstellung von Transport- und Logistikkapazitäten, Fähigkeiten zur Aufklärung, auch durch Drohnen und Satellitenbilder. Das Personalwesen bietet häufig keine ausreichenden Karriereanreize für einzelne „Friedenssicherer“. Ein weiteres Problem machte Benner bei den Sondergesandten des Generalsekretärs aus, welche gleichzeitig diplomatisch erfahrene als auch politisch scharfsinnige Persönlichkeiten sein müssen, diesen Anspruch aber nicht immer einlösen könnten. Zuletzt seien der Bereich der Krisenprävention und das bereits angesprochene Ungleichgewicht der Truppensteller  nicht zufriedenstellend.

Letztlich könnten mehr Kapazitäten und bessere Technologien jedoch auch nicht die großen politischen Spannungen bei der Friedenssicherung lösen, so Benners dritte These. Beim Institutionenaufbau sei die internationale Gemeinschaft auf nationale Eliten angewiesen, die Vereinbarungen tatsächlich und glaubwürdig umsetzen können. Wie das Beispiel der DR Kongo zeigt, sind diese jedoch häufig selbst an massiven Menschenrechtsverletzungen beteiligt. Die lokalen Begründungen für Gewaltanwendungen im Bürgerkrieg, die oft im Zusammenhang mit Themen wie Landansprüchen, Ressourcenverteilung oder Mitspracherechten stehen, bilden häufig einen Kontrast zur Makroebene von Gewalt und nationalen Friedensbemühungen zwischen regionalen Regierungen und den von diesen unterstützten Rebellengruppen. Alle am Konflikt beteiligten Parteien müssen in eine mögliche Lösung eingebunden werden. Dazu bedürfe es ausreichender politischer Aufmerksamkeit, um im Zweifel Druck auf die Konfliktparteien auszuüben. Hier müsse die internationale Gemeinschaft aber auch offen mit dem eigenen Versagen in einzelnen Konflikten umgehen und die begangenen Fehler aufarbeiten.

Es lohnt sich, die UN-Friedenssicherung stärker zu unterstützen

Tobias Pietz von der Analyseabteilung des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze (ZIF) ging näher auf die Gründe für die niedrige Zahl von UN-Friedenssoldaten aus OECD-Ländern ein. Noch vor zwanzig Jahren hätten diese etwa zwei Drittel des Personals gestellt, während es jetzt weniger als 8% seien. Diese Entwicklung läge an drei wichtigen Entwicklungen: dem Trauma des Versagens in den Konflikten der 1990er Jahren (Somalia, Ruanda und Bosnien), gerade auch aus Sicht der Weltöffentlichkeit; den teuren und personalintensiven Interventionen im Irak und in Afghanistan sowie dem stärkeren Engagement für Missionen im Rahmen der europäischen Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (dies betrifft vor allem die Polizei).

Warum ist ein stärkerer europäischer oder deutscher Beitrag zu UN-Friedensmissionen dennoch wichtig? Die Aufgabenteilung zwischen Truppenstellern und Finanziers ist zunehmendem Druck ausgeliefert, wie auch Manfred Ertl, Militärberater im Auswärtigen Amt, anerkennen musste. Ertl sah die derzeitige Arbeitsteilung bereits auf einem guten Weg zu einer „fairen Partnerschaft“, da es ja schließlich auch auf die Qualität der bereitgestellten Truppen ankäme. Während seiner Zeit im UN-Sekretariat wäre es nie ein Problem gewesen, ein Infanteriebattalion zu bekommen, allerdings hätte er schon eine Mission wegen eines fehlenden Flugleitoffiziers schließen müssen. Es wurde aber in seinen Ausführungen auch die Doppeldeutigkeit solcher Einschätzungen deutlich. Während viele große Truppenstellerstaaten eben keinem größeren öffentlichen Druck ausgesetzt seien („mit der Pressefreiheit“ sei das ja auch nicht so weit her dort, so Ertl), verlange die „Fürsorgepflicht“ des (deutschen) Staates für seine Soldaten, dass annähernd die gleichen Standards wie im Heimatland gewährleistet würden. Zu Recht verwies Benner hier auf die ebenfalls existierende (zumindest moralische) Pflicht gegenüber den Soldaten aus anderen Truppenstellerstaaten und den Bevölkerungen in den Ländern der Friedensmissionen.

Aus meiner Sicht gibt es  aber noch gewichtigere Gründe für ein erhöhtes deutsches Engagement. Die Legitimität der gesamten UN-Friedenseinsätze kann langfristig erodieren, wenn sich der Eindruck bei den Staaten Südasiens und Sub-Sahara-Afrikas festsetzt, dass sich westliche Regierungen hinter ihren finanziellen Beiträgen verstecken, während die Söhne und Töchter anderer Länder für die von ihnen im Sicherheitsrat gesetzten Ziele bereit sind zu sterben. Umgekehrt kann der politische Wille, eigene Soldaten den Vereinten Nationen bereitzustellen, ein positives Signal auch an andere Staaten senden, diesem Schritt zu folgen. Demgegenüber verweisen deutsche Entscheidungsträger gern darauf, dass sie in ihrem Wahlkreis kaum vermitteln können, warum deutsches Personal im Sudan tätig sein sollte.

Multilateralismus braucht Führungsfähigkeit, auch in Deutschland

Wenn deutsche Außenpolitik sich jedoch wirklich um Multilateralismus und Friedenssicherung sorgen möchte, sollte sie politische Führungsfähigkeit beweisen. Es genügt nicht, nur darauf zu verweisen, welche Anfragen zur Bereitstellung von Truppen für Friedensmissionen vorliegen oder auch nicht. Sogar bei der Frage des Personals könnte Deutschland eine Vorreiterrolle einnehmen. Zu ersterem schlug Benner vor, Deutschland könnte sich bereit erklären, 10% des aus Afghanistan abrückenden Personals fortan für multilaterale Missionen zur Verfügung zu stellen – immerhin gut vierhundert Soldatinnen und Soldaten. Die Bundesregierung könnte bei den europäischen Partnern für ähnliche Schritte werben. Es müsse ja auch nicht gleich die Interventionsbrigade sein, die mit überaus robustem Mandat an vorderster Front im Kongo kämpft, – Stabsoffiziere in Kinshasa können unter Umständen auch schon helfen.

Letztlich geht es jedoch um weitaus mehr als um die fast schon leidige Frage des Personals: Die politischen Rahmenbedingungen müssen stimmen. Wenn die Bundesregierung sich dazu bereit erklärt, UN-Friedensmissionen zu unterstützen, sollte dies ein Gesamtpaket sein – einschließlich erhöhtem zivilen Personal für die Mission, aber auch für die deutsche Vertretung vor Ort. Die Analysefähigkeiten für zivile Krisenprävention und Frühwarnung bei Konflikten seien in deutschen Botschaften in Sub-Sahara-Afrika häufig stark unterentwickelt, wie Benner darlegte. Das Auswärtige Amt erlaube es noch nicht einmal seinen Diplomaten, freiwillig als zivile Kräfte an UN-Friedensmissionen teilzunehmen und dabei wichtige Felderfahrung zu sammeln. Dabei legt die Bundesregierung (gleich welcher Couleur) gern wert auf die zivile Ausrichtung ihrer Außenpolitik und verweist auf Aktionsprogramm, Ressortkreis und Beirat zivile Krisenprävention. Gerade anlässlich eines Jubiläums wie dem der Mitgliedschaft Deutschlands in den Vereinten Nationen ist es Zeit, diese Versprechen mit Glaubwürdigkeit zu füllen.

High Tea in den Wolken

Während häufig geradezu lächerlich schlechtes Wetter meinen Aufenthalt in Darjeeling im Sinne des Wortes vernebelte, konnte ich dennoch mit der höchsten Eisenbahn Indiens fahren, prunkvolle buddhistische Klöster besuchen und vor allen Dingen reichlich herausragenden aufgebrühten Tee aus der unmittelbaren Umgebung genießen.
Darjeeling4Alle, die in den Bergen leben, haben es natürlich verinnerlicht, genauso wie jede_r Kletter_in – das Wetter am Berg ist unberechenbar. Während die Online-Wettervorhersage von Sonnenschein bei angenehmen zwanzig Grad gesprochen hatte, empfing mich nasskalter Nebel bei meiner Ankunft in Darjeeling. Von hier, am Fuße des östlichen Himalaya, sollte man einen wunderbaren Ausblick auf den höchsten Berg Indiens (und dritthöchsten Berg weltweit), den Kanchenjunga, haben. Majestätisch, mit breiten Schultern sollte er sich über dem mit grünen Teeplantagen übersäten Tal erheben. Doch das konnte ich nur aus den zum Verkauf angebotenen Postkarten erschließen. Die Stadt war in der Regel vollkommen in Wolken eingehüllt, so dass die Sicht häufig unter hundert Meter lag. Die Einwohner bestätigten zwar, dass dies sehr ungewöhnlich für diese Jahreszeit sei, aber andere Reisende berichteten auch, dass das Wetter in den letzten drei Wochen nur äußerst selten besser gewesen sei. So war an ausgedehnte Wanderungen nicht zu denken, gleichwohl die Stadt auch so Beschäftigungsmöglichkeiten bot. Entschleunigung war also unweigerlich.

Darjeeling ist die international sicher bekannteste indische Hill Station, welche die Briten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichteten, um der schwülen Hitze Kalkuttas, des damaligen kolonialen Regierungssitzes, zu entkommen. Der Marktplatz und einige alt eingesessene Hotels verraten den früheren Charakter als viktorianischer Erholungsort noch. Mittlerweile ist die Stadt jedoch stark gewachsen und kann den Einwohnern und Touristen nur noch unzureichend mit ihren engen, steilen Straßen sowie akuten Wasserengpässen Herr werden. Die meisten westlichen Touristen sind Bagpacker, die sich auf ihrem Weg zu sich selbst (und durch Indien) meist gerade auf dem Weg in die wirklichen Berge in Sikkim im Norden Darjeelings befinden.

Der auf ca. 2.200 m gelegene Bergort im Norden Westbengalens liegt gleichzeitig in einem strategisch äußerst bedeutsamen Gebiet. Nur wenige Dutzend Kilometer misst der indische Staat an seiner dünnsten Stelle hier, eingezwängt zwischen Nepal und Bangladesch. In diesem schmalen Streifen verläuft die einzige Verbindung des abgelegenen Nordostens mit dem Hauptgebiet Indiens. Die mittlerweile sieben Bundesstaaten (mit Assam als dem größten unter ihnen) sind nach wie vor deutlich schlechter entwickelt als der Durchschnitt des Landes und vielfach von bewaffneten Aufständen durchzogen. Die indische Armee kann hier weitgehend von öffentlicher Kontrolle entledigt agieren, was auch in jüngster Zeit wieder zu starken Protesten geführt hat.

Darjeeling2Im friedlichen Darjeeling ist davon kaum etwas zu spüren. Separationstendenzen lassen sich jedoch auch hier beobachten. Darjeeling ist so etwas wie die Hauptstadt von „Gurkhaland“, dem Land der Gurkhas. Die Gurkhas sind ursprünglich aus Nepal eingewanderte Inder, deren kollektive Identität stark durch die Kolonialherrschaft geprägt wurde, nicht zuletzt als Hilfstruppen der britischen Armee in den Weltkriegen. In den 1980er Jahren bildeten sich Freiheitsbewegungen der Gurkhas heraus, welche, auch mit Gewalt, einen eigenen Bundesstaat für sich forderten. Der damalige indische Premier Rajiv Gandhi konnte jedoch eine weitere Aufsplitterung des indischen Bundesstaates mit der Einrichtung eines Regionalrats für die Gurkhas verhindern. Nachdem die Hauptakteure der Gurkha-Freiheitsbewegung (Gurkha National Liberation Front) sich gut im parlamentarischen System eingerichtet hatten, wurden diese jedoch durch eine neue Bewegung (Gorkha Jana Mukti Morcha) 2007 ersetzt, welche den Forderungen neuen Schwung verlieh. Die allgegenwärtigen Schilder und Plakate für ein eigenständiges Gurkhaland vermitteln ebenfalls diesen Eindruck.

Darjeeling5Wie auch im Westen des Himalaya in Shimla haben die Briten die Hill Station nicht nur durch eine sich in steilen Serpentinen nach oben schlängelnde Straße erschlossen, sondern auch durch eine Schmalspurbahn. Dieser „Toy Train“ ist mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe. Für die etwa 70 Kilometer von der Talstation nach oben braucht er gemütliche sieben bis acht Stunden. Zurzeit ist aber wegen Erdrutschen nur ein kleiner Teil befahrbar. Die indische Eisenbahn bietet speziell für Touristen dreimal täglich einen „Joy Ride“ ins sieben Kilometer entfernte Ghum an, den höchsten Bahnhof Indiens (2438 m). Wenn möglich, wird diese Fahrt sogar noch mit Dampflokomotiven durchgeführt – bei mir musste jedoch eine Diesellokomotive ausreichen.

Darjeeling3In Ghum, wie auch in Darjeeling selbst, liegen herrliche buddhistische Klöster, die sich abseits der engen Gassen auftun. Viele der Gurkhas sind Buddhisten, die den Dalai Lama als geistiges Oberhaupt verehren, wie die Tibeter. Über und über bemalte Tempelräume der Klöster zeigen wilde Dämonenfratzen, welche die zentrale Buddhastatue einrahmen. Während die in rot-gelbe Gewänder gekleideten Mönche auf den Märkten spazieren gehen oder den Klängen ihres iPods lauschen, finden sich in den spärlich beleuchteten Gebetsräumen gern auch meditierende westliche Touristen – auch eine Art kultureller Austausch.

Vor allem ist Darjeeling aber die Königin des Teeanbaus. An jeder Ecke im Zentrum kann man die Erzeugnisse der über 80 einzelnen Anbaugebiete in der Umgebung erwerben. Das Happy Valley Tea Estate hat nicht nur den Vorteil, bequem zu Fuß zu erreichen zu sein, sondern bietet auch kostenlose Führungen durch ihre Teefabrik an. Am produktionsfreien Sonntagvormittag war ich der einzige Gast, der eine persönliche Führung durch die Anlage erhielt, welche ausschließlich für Exportmärkte in Großbritannien und Deutschland produziert. Dabei lernte ich, dass der Produktionsprozess für schwarzen Tee aus drei Grundstufen besteht – der vorsichtigen Trocknung, der Oxidation (durch Pressen, Drehen und der Zufuhr frischer Luft für drei Stunden) sowie dem Rösten. Danach werden die Teeblätter nach Größen sortiert und verpackt.

High TeaEine ganze Reihe von Faktoren ist bedeutsam für den Geschmack des Tees. Dabei sind die Größen (ganz, gebrochen, Krümel oder Staub) und die Jahreszeiten (first flush, second flush, summer und autumn) nur die offensichtlichsten. Mit Qualität haben diese nämlich noch nicht in erster Linie zu tun. Diese wird vielmehr durch die Bewirtschaftungsweise, die Unterart der Teepflanze und Abstufungen im Herstellungsprozess bestimmt. Höhenlage, Sonneneinstrahlung und Beschaffenheit des Bodens beeinflussen ebenfalls den Geschmack. Daher lassen sich auch jeweils bemerkenswerte Unterschiede zwischen einzelnen Teegärten ausmachen. Grundsätzlich, so habe ich beim Probieren und Kaufen erfahren, sind first flush Darjeelingtees sehr leicht und werden daher immer ohne Milch getrunken. Herbsttees haben dahingegen häufig einen reichhaltigeren, auch etwas bitteren Geschmack, weswegen sie gern von britischen Kunden (die ihren Tee mit Milch trinken) gekauft, wie mir ein Händler verriet. So ein exklusiver Tee ist durchaus mit edlen Weinen vergleichbar (auch preislich), und ich vermeinte in dem exklusivsten Tee, den ich probierte, feine Orangennoten auszumachen.

Natürlich muss man solch einen Tee entsprechend genießen. Dafür haben die Briten den High Tea am Nachmittag eingeführt. Dazu gibt es in Darjeeling genau die richtigen viktorianischen Etablissements. In plüschigen Sofas kann man sich in britischer Wohnzimmeratmosphäre niederlassen und den Tee eines bestimmten Teegartens bestellen. Dieser wird sogleich von einem weiß gekleideten Kellner zusammen mit zwei dünnen Scheiben trockenen Fruchtkuchens serviert. Definitiv ein Erlebnis wert!

Ein Land voller Gegensätze

Diese Zeilen schrieb ich während meines ersten Indien-Aufenthalts im Oktober 2012.

Auf dem Flug nach Delhi unterhielt ich mich mit einer Kollegin meines Stipendienprogramms darüber, welche jeweiligen Bilder uns in den Kopf kämen, wenn wir an Indien dächten. Ich sagte, es sei der Tumult, das Wirrwarr, das ich bereits aus Sri Lanka kannte, kombiniert mit einer schroffen Gleichzeitigkeit von erheblichen Wohlstandsunterschieden – sehr arme Bettler direkt neben glitzernden Boutiquen, um es in ein Bild zu packen. Ich hätte es kaum besser treffen können.

Slumbehausung in einem Park

Wir leben hier in einer eher durchschnittlichen Gegend, mit relativ viel Dreck, einfachen Läden, Kühen und Müll auf den Straßen. Im Alltag fahren wir mit dem lokalen Massentransport, zuerst im offenen und häufig übervollen Sammeltaxi, und dann in der unterkühlten, modernen Metro. Das Institut mit der Bibliothek, in der wir praktisch jeden Tag arbeiten, liegt in einer sehr guten Gegend, in der es nicht nur einen Golfplatz und mit Pflanzen gesäumte Straßen gibt, sondern auch viele Büros der Vereinten Nationen oder von anderen Forschungsinstitutionen. Wir haben einen Swimmingpool auf dem Dach, in dem wir mittags für eine kleine Gebühr schwimmen können, während wir danach ein sehr gutes Mittagessen direkt am Pool genießen können (das habe ich aber bisher erst einmal gemacht).

Auf dem Weg zurück zur U-Bahnstation überqueren wir stets eine Kreuzung, auf der junge Mädchen nicht älter als 12 oder 13 rote Blumen verkaufen. Dazu gestikulieren sie eindringlich und zeigen an, dass sie Geld für Essen haben wollen. An anderen U-Bahnstationen zerren kleine Jungen unter zehn Jahren an mir. Während ich vor einiger Zeit in der Haupteinkaufsgegend von Delhi am Wegrand saß und ein Sandwich aß, sahen mich solche Kinder mit ihren Hundeaugen an und wiederholten immer wieder „Chappatti“, den Namen eines Brotes, das sie haben wollten. Oder letztens auf dem Weg zu einem wohl typischen Club von Delhi, zu dem wir immerhin zu vier gequetscht im Rickshaw fuhren, bettelten Jungen an einer großen Straßenkreuzung um zehn Uhr abends. Keinen von diesen Kindern gab ich bisher etwas.

Slumsiedlung im Park

Das Weggehen steht hier in besonders großem Kontrast zu dieser Welt. Es gibt dezidierte „Expat Nights“ von Clubs, in denen weiße Ausländerinnen umsonst Getränke bekommen. Männer kommen zwar umsonst rein, müssen aber entweder ein kleines Bier für ca. 4,50 € oder ein maximal zwei Stunden gültiges Band für unbegrenztes Trinken für knapp 15 € kaufen. Wenn (männliche) Inder nicht gerade Expats mitbringen, müssen sie etwa 30 € Eintritt zahlen. In den guten Clubs in Luxushotels kann der Eintritt für alle Männer sogar bei 45-60 € liegen – ohne Getränke. Natürlich können sich diese Preise nur sehr wenige Inder leisten, auch wenn es immer noch genügend zu geben scheint. Die Clubs mit den „Expat Nights“ rühmen sich ob der weißen Ausländer. Das Schönheitsideal hier in Indien ist auch eher hellere Haut als dunkle zu haben, wie die meisten berühmten Schauspieler und Musiker. Die Expats, die man auf so einer Party trifft, sind nach meinem Eindruck eher solche, die auch zu vergleichbaren Partys in Deutschland gehen würden – wir trafen eine große Gruppe deutscher und österreichischer BWL-Studierenden, die sich darüber wunderten, dass die indischen Studierenden an ihrer Privatuni hier bisher so wenig in Europa gewesen seien und kaum Englisch untereinander sprächen.

Reich und Arm können hier sehr nah beieinander liegen. Auf der Zufahrtstraße in eines der reichsten Viertel von Dehli, Hauz Khaz, saß eine Familie im Müll und sortierte brauchbare Teile aus. Als wir mit dem Rickshaw vorbeifuhren, flog eine Horde Schmeißfliegen auf. Auch hier in der Gegend gibt es gut gesicherte Wohnhäuser, während unten auf der Straße Müllsammler ihren Tagesertrag gegen etwas Geld bei Recyclern eintauschen. Wenn man abends durch Delhi fährt, sieht man vielfach die Fahrer von Fahrradrickshaws auf oder neben ihren Gefährten schlafen. Wahrscheinlich sind sie gerade vom Land in die Stadt gekommen und versuchen auf diese Weise Geld für ihre Familie zu verdienen, die sie praktisch nie sehen. Überall schlafen Menschen auf den Gehwegen. Andere haben eine behelfsmäßige Unterkunft mit Planen unter Bäumen oder in schlecht gepflegten Parks gefunden, ohne wirkliche Wasserversorgung. In Indien leben über die Hälfte der Menschen, die weltweit keinen Zugang zu Sanitäranlagen haben. Berichten zufolge sterben deswegen täglich tausend Kinder an Durchfall in Indien, während der Einfluss auf das Wirtschaftswachstum bei gigantischen 6,4% liegen soll.

Wer diese Seite Indiens auch nur annähernd kennen lernt, versteht globale Armutsstatistiken deutlich besser und erhält den Hauch eines Gefühls dafür, was es bedeutet, dass in Indien etwa ein Drittel aller Menschen, die in absoluter Armut weltweit leben müssen (d.h. weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag nach Kaufkraftausgleich zur Verfügung haben), sind. Mehr als zwei Drittel aller Inder haben laut Weltbank nicht mehr als zwei Dollar pro Tag zur Verfügung.

Geschwister bei mir In der Gegend auf der Straße

Wie kann man in solchen Gegensätzen auf Dauer existieren? Manche schaffen es wahrscheinlich durch Verdrängung oder Ignoranz, indem sie ausschließlich in klimatisieren Autos von einem gekühlten Gebäude zum nächsten fahren. Andere versuchen, den Menschen zu helfen und können sich auch an kleinen Gesten und Erfolgen erfreuen, während wiederum andere an der Ineffizienz des Systems verzweifeln. Bei einer Vortragsveranstaltung bezeichnete es ein Wissenschaftler, der für die Regierung zu Entwicklungsthemen arbeit, als Schande, dass auch 65 Jahre nach der Unabhängigkeit Indiens so viele Menschen in Armut, unhygienischen Bedingungen und mit schlechter Bildung existieren. Dazu muss man aber auch anerkennen, wo Indien hergekommen ist. Allein in den letzten fünf Jahren sind fünfzig Millionen Menschen in Indien aus der absoluten Armut gehoben worden. Inklusives Wachstum, das substantiell viele Jobs im formellen Sektor generiert, bleibt jedoch ein Desideratum.

Diese Zustände, diese Menschen zu erleben kann einen nicht kalt lassen. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass auch die Armen in den Slums der Großstädte ein Leben mit Höhen und Tiefen, mit Kämpfen um Anerkennung, Identität und Bedeutung führen, das in abstrakter Weise den fundamentalen Herausforderungen vieler Menschen auf der ganzen Welt ähnelt. Sie sind nicht nur Opfer, sondern haben auch Vorlieben, Geschmäcker und Ideen. Allerdings müssen sie eine deutlich steilere Wand erklimmen, als wir es uns in Europa überhaupt vorstellen können. Diese Perspektive dürfen wir nicht vergessen. Selbst wenn man nicht ständig in diesen Gegensätzen leben muss, steht es einem gut an, jede Annehmlichkeit im Leben als Privileg und Geschenk anzuerkennen und mit Demut und Bescheidenheit auszuüben.