Beitrag in: Barbara Lippert/Stefan Mair (Hrsg.): Mit, ohne, gegen Washington: Die Neubestimmung der Beziehungen Europas zu den USA, SWP-Studie 2026/S 03, 22.01.2026
Ob in Nahost oder der Ukraine, in Sudan oder in Syrien: Die USA spielen in vielen Konflikten eine wichtige, teilweise unverzichtbare Rolle. Präsident Trump inszeniert sich als Friedensvermittler, der etablierte Normen, Institutionen und Praktiken bewusst außen vor lässt. Die von der US-Administration geführten Verhandlungsprozesse und durchgesetzten »Deals« brechen mit den Säulen eines Systems der internationalen Konfliktbearbeitung, Vermittlung und Friedensförderung, in das wenige Länder mehr investiert haben als Deutschland. Hinter den öffentlich inszenierten Handschlägen im Beisein Trumps stehen oft neoimperialistische Vorstellungen einer Großmachtdiplomatie zur Aufteilung von Interessensphären und zur Ressourcenausbeutung, ohne die Betroffenen angemessen zu beteiligen. Konfliktparteien öffentlich unter Druck zu setzen, ein beliebtes Mittel der Trump-Administration, führt oft nur zu oberflächlichen, kurzlebigen Deals für Waffenruhen, ohne die Konfliktursachen anzugehen, sodass die Feuerpausen bald von erneuter Gewalt unterbrochen werden. Gleichzeitig ist es Ausdruck der Schwäche des tradierten multilateralen Friedensengagements, in jüngerer Zeit zu wenig eigene belastbare Erfolge hervorgebracht zu haben. Deutschland sollte US-geführte Initiativen nach ihrem Beitrag zu tatsächlicher Sicherheit der betroffenen Bevölkerungen bemessen und – mindestens als Ergänzung – wieder stärker in prinzipiengeleitetes Friedensengagement investieren.
Bröckelnde Grundannahmen
Das deutsche Engagement in der Konfliktbearbeitung und Friedensförderung beruht auf wohlverstandenen außenpolitischen Interessen.1 Deutschlands Interesse an nachhaltigen Friedensordnungen folgt der Einsicht, dass ein derart auf internationale Zusammenarbeit, freien Handel und eine offene Gesellschaft angewiesenes Land sich nicht von den Auswirkungen bewaffneter Konflikte abschotten kann.2 Außenminister Johann Wadephul wirbt für dieses Engagement auch außerhalb öffentlich beachteter Brennpunkte: »Ich bin davon überzeugt: Krisen und Konflikte, die wir ignorieren, von denen wir uns einbilden, sie beträfen uns nicht, kommen früher oder später zu uns. Deswegen müssen wir uns dort vor Ort engagieren.«3
Bewaffnete Konflikte, Terrorismus und fragile Situationen im Nahen Osten sowie auf Europas Nachbarkontinent Afrika berühren das friedliche Zusammenleben in einer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft, den Wohlstand und die Sicherheit in Deutschland. In einer zunehmend kompetitiven internationalen Ordnung hat Deutschland außerdem ein übergeordnetes Interesse, sich für die Einhaltung grundlegender Normen des Völkerrechts einzusetzen, die auch deutsche Staatsbürger:innen schützen – wie das zwischenstaatliche Gewaltverbot, territoriale Integrität und die Verhinderung von Völkermord.
Seit Mitte der 2010er Jahre hat Deutschland sein »integriertes Friedensengagement« ausgeweitet, zu dem eine ganze Reihe von Maßnahmen wie Friedensmediation, Rechtsstaatsförderung oder die Stärkung legitimer Staatlichkeit gehört.4 Auf diesem Feld der zivilen Friedensförderung ist Deutschland schon seit 2017 der größte Geber weltweit, mit Schwerpunkten unter anderem im Irak, im Tschadseebecken oder in der Ukraine (jenseits der Militärhilfe). Seit 2023 hat Deutschland seine Mittel in diesem Bereich allerdings um 40 Prozent gekürzt.5
Wichtige Annahmen, die dem deutschen Ansatz zugrunde liegen, waren bereits angesichts der Fehlschläge in Afghanistan und Mali brüchig geworden.6 Unter der Trump-Administration funktionieren sie teilweise gar nicht mehr. Deutschland leistet seine Beiträge zu Konfliktbearbeitung und Friedensförderung regelmäßig in Kontexten, in denen politische Prozesse vorrangig von anderen Mächten wie den USA geprägt werden. In der Regel sah sich Deutschland als unterstützender Akteur, der die Aushandlung zentraler politischer Parameter de facto Konfliktparteien, lokalen Eliten und einflussreicheren Staaten überließ, oft moderiert von multilateralen Sondergesandten.7 Dies lag an den eigenen begrenzten Kapazitäten, mangelnden Zugängen zu Eliten oder der Risikoaversion der deutschen Außenpolitik, trug aber auch dazu bei, dass sich Deutschland als guter multilateraler Mitgliedstaat der Vereinten Nationen (UN) profilieren konnte, der gemeinsame Fonds und Aktivitäten besonders emsig unterstützt.
Die USA setzten bereits seit langem auf Elitendeals, die auf den kurzfristigen Erfolg orientiert waren.
Bereits vor der ersten Trump-Administration setzten die USA häufig auf begrenzte Elitendeals, die oft eher auf den kurzfristigen, sichtbaren Erfolg hin orientiert waren als auf nachhaltige Friedenssicherung.8 Wie kurzsichtig solch ein Ansatz sein konnte, erfuhr die Bundesregierung unter anderem beim Fall Kabuls, nachdem die erste Trump-Administration ein Abkommen mit den Taliban ausgehandelt hatte, welches die international anerkannte afghanische Regierung außer Acht ließ.9 Ein anderes Beispiel war die Zurückhaltung der US-Regierung, Sanktionen gegen die putschenden sudanesischen Generäle zu verhängen, nachdem diese im Oktober 2021 den auch von Deutschland mit großem politischem Aufwand10 unterstützten Übergangsprozess beendet hatten. Der anschließende Machtkampf eskalierte im April 2023 zu offenem Krieg, der vielleicht mit entschiedenerem Druck hätte verhindert werden können.11
Der Politikansatz, Beiträge zu von Dritten geführten politischen Prozessen zu leisten, läuft mittlerweile ins Leere. Er stößt auf eine tiefe Krise des Multilateralismus und die dramatische Kürzung internationaler Mittel.12 Der UN-Sicherheitsrat ist aufgrund der geopolitischen Spannungen nur begrenzt handlungsfähig. UN und Afrikanischer Union (AU) fehlt es an Ernsthaftigkeit und Unparteilichkeit im Umgang mit dem Krieg in Sudan.13 Neuere Vermittlungsakteure wie die Türkei oder Saudi-Arabien handeln transaktionale Abkommen wie die Ankara-Erklärung zwischen Äthiopien und Somalia aus, die außerhalb multilateraler Institutionen zustande kommen.
Vermittlung als geopolitisches PR-Spektakel und Großmachtdiplomatie
Besonders eklatant tritt der Widerspruch zwischen den Grundannahmen Deutschlands bei den Vermittlungsanstrengungen der amtierenden US-Regierung zutage. Der Zugang der Trump-Administration zur Beilegung bewaffneter Konflikte folgt einem staatszentrierten, eigennützigen und oft neoimperialistischen Ansatz, der überdies personalisiert und performativ ist. Dies trägt der Komplexität von Konflikten nicht Rechnung und widerspricht den etablierten Erfolgskriterien von Friedensvermittlung. Zu ihnen gehören unter anderem Geduld, Expertise, Unparteilichkeit, der Verzicht auf das Scheinwerferlicht, internationale Koordination, die Beteiligung aller relevanten Gruppen, die in einen Konflikt involviert sind, sowie eine führende Rolle lokaler Akteure.14
Die USA konzentrieren sich auf zwischenstaatliche Konflikte oder zumindest die zwischenstaatlichen Aspekte bewaffneter Konflikte. Das Abkommen zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda vom Juni 2025 beispielsweise ließ die wichtigste, von Ruanda unterstützte bewaffnete Gruppe Ostkongos, M23, ebenso außen vor wie die zentralen Nachbarstaaten Uganda und Burundi.15 Zu Sudan erreichten die USA im September 2025 zuerst eine Vereinbarung mit den bedeutendsten externen Unterstützerstaaten der Konfliktparteien – Ägypten, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Erst danach leiteten sie indirekte Gespräche mit der sudanesischen Armee und den Rapid Support Forces (RSF) ein.16
Nur eine untergeordnete Rolle spielt die Mitwirkung der vom Konflikt betroffenen Bevölkerung. Trump gibt immer wieder dem Impuls nach, mit Moskau direkt und ohne Beteiligung Kyjiws über die Ukraine zu sprechen, und drängt die Ukraine zu Gebietsabtretungen.17 In Gaza kam ein Waffenstillstand im Oktober 2025 erst zustande, nachdem Trump von seiner uneingeschränkten Unterstützung für Israel einschließlich der möglichen Vertreibung von Palästinenser:innen abgerückt war.18 Die Schwächung etablierter Normen und Institutionen ist kein Nebenschauplatz, sondern dient dem strategischen Interesse der aktuellen US-Regierung, als Großmacht eine Weltordnung zu schaffen, die eigenem Gutdünken, nicht aber den Regeln des Völkerrechts folgt.19
Die Umsetzung der »Deals« hängt von der persönlichen Kapazität weniger Personen ab.
Maßgebliche Akteure bei vielen dieser Vermittlungsbemühungen, auch das eine Besonderheit des derzeitigen US-Ansatzes, sind nicht professionelle Diplomaten, sondern Sondergesandte, die ein enges persönliches Verhältnis zu Präsident Trump pflegen. Das verschafft ihnen einen Einfluss, über den Karrierediplomat:innen nicht verfügen. Massad Boulos, Trumps Afrika-Gesandter, ist der Schwiegervater seiner Tochter Tiffany. Steve Witkoff, der für Trump Gespräche im Nahen Osten und mit Putin führt, ist ein Immobilienunternehmer und Golf-Freund des US-Präsidenten.
Gleichzeitig verloren viele Angestellte des State Departments ihren Arbeitsplatz, für Konfliktbearbeitung zuständige Abteilungen wurden aufgelöst, Führungspositionen nicht nachbesetzt.20 Die US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit (United States Agency for International Development, USAID) wurde abgeschafft, viele Projekte im Bereich Friedensförderung wurden gestrichen, unter anderem in der sudanesischen Diaspora.21 Sondergesandte wie Witkoff und Boulos greifen in der Regel kaum auf den Apparat des State Departments und dessen Expert:innen zurück.22 Die Aussetzung der US-Beiträge gefährdet die Zahlungs- und Handlungsfähigkeit der UN.23 Ohne institutionelle Absicherung hängt es von der persönlichen Aufmerksamkeit und Kapazität weniger Personen ab, ob und wie gut die Umsetzung von Deals überwacht wird. Die Beauftragten setzen darauf, dass ihre Verhandlungsmethoden aus der Geschäftswelt auch in Verhandlungen mit Russland, Iran oder zum Krieg in Sudan helfen. Dabei stellen sie erst mit der Zeit fest, dass sie die ideologische Disposition und machtpolitische Entschlossenheit ihrer Gesprächspartner unterschätzen, an bewaffneter Gewalt festzuhalten.24
Wirtschaftliche Nebenabsprachen unterstreichen, dass es den USA um partikuläre Eigeninteressen und nicht um Konflikttransformation geht. Sowohl mit der Ukraine als auch mit der Demokratischen Republik Kongo schlossen sie Rohstoffabkommen. Jared Kushner, Trumps Schwiegersohn, setzte sich für die Abraham-Abkommen zur Normalisierung diplomatischer Beziehungen einiger arabischer Staaten mit Israel ein und profitierte von hohen Investitionen aus der Region in sein Unternehmen.25 Die Kombination aus Großmachtdiplomatie, Gebietsverschiebungen ohne Beteiligung der Betroffenen und eigenen wirtschaftlichen Interessen der Vermittler erinnert an den Imperialismus europäischer Mächte im 19. und 20. Jahrhundert.
Für Trump selbst scheint das Prestige einer von ihm persönlich öffentlich verkündeten Einigung im Vordergrund zu stehen. Nicht zufällig spricht er selbst immer wieder davon, dass er den Friedensnobelpreis verdiene. Im ägyptischen Scharm El-Scheich versammelte Trump im Oktober 2025 mehr als 20 Staats- und Regierungschefs, um das Ende des Kriegs in Gaza zu feiern, während Vertreter der Konfliktparteien fehlten. Man könnte denken, dass Trump auch seine Glaubwürdigkeit mit dem Erfolg eines solchen Friedensprozesses verbindet. Konsistenz scheint aber keine große Rolle für ihn zu spielen.
Schlussfolgerungen
Deutschland sieht sich vor der Aufgabe, die eigentlich reformbedürftige Architektur und Praxis internationaler Konfliktbearbeitung gegen die Angriffe und Kürzungen der Trump-Administration zu verteidigen. Denn das bisherige System eines »liberalen Friedens« befindet sich in einer tiefen Krise.26
Vier notwendige Weichenstellungen lassen sich identifizieren. Erstens sollte die Bundesregierung für sich und in Abstimmung mit zentralen Partnern wie der EU ausdrücklich Mindestkriterien definieren, die US-geführte Vermittlungsprozesse erfüllen müssten, um explizite (finanzielle und politische) Unterstützung zu erhalten. Das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine und das der Palästinenser:innen sind solche Bedingungen. Jeder Prozess sollte überdies danach beurteilt werden, inwiefern er tatsächlich bewaffnete Gewalt reduziert und humanitäre Lebensbedingungen der Zivilbevölkerung verbessert.
Zweitens sollte die Bundesregierung dort, wo sie selbst Einfluss hat, diplomatische Impulse geben, die Alternativen zu (möglichen) US-Initiativen bieten. Ein Beispiel dafür wäre Deutschlands Unterstützung für den Übergangsprozess in Syrien, auch in Kooperation mit der Türkei und den Golfstaaten.27
Drittens sollte Deutschland (weiterhin) gerade die Art des inklusiven, multilateral koordinierten und lokal geführten Friedensengagements (wie etwa am Tschadseebecken) unterstützen, an welcher es der Trump-Administration fehlt. Dies erfordert jedoch, dass die Bundesregierung den selbst eingeleiteten Kürzungsprozess im Bereich internationale Zusammenarbeit umkehrt sowie politisch und finanziell wieder mehr in zivile Konfliktbearbeitung investiert.28
Viertens schließlich sollte Deutschland diejenigen Hebel, über die es in Konfliktkontexten verfügt, stärker für die Aufrechterhaltung prinzipienorientierter Friedensförderung nutzen. Deutschland sollte Wiederaufbauhilfe davon abhängig machen, dass bei den Konfliktparteien grundlegende Weichenstellungen stattfinden, beispielsweise dass kein Gewaltakteur Teil einer zukünftigen Regierung in Sudan sein darf.
Während viele internationale Akteure wie die USA zunehmend auf wirtschaftliche oder geopolitische Anreize setzen, um Kriege zu beenden, wäre Deutschland gut beraten, die zentrale Rolle interner und internationaler Legitimität hervorzuheben. Nur mit dieser wird nachhaltiger Frieden möglich.
