Pod und die Welt, Podcast der Zeitschrift Internationale Politik, 15.10.2026
Category: Media and events
Diskussionsrunde: Deutschlands neue Außenpolitik zwischen nationalen Interessen, Friedensförderung und humanitären Prinzipien
Online-Diskussionsveranstaltung des Centre for Humanitarian Action, 30.9.2026
Deutschland hat eine neue interessengeleitete Außenpolitik angekündigt. Im Sommer 2026 hat es bereits den Umbau des Auswärtigen Amts abgeschlossen, der eine wirksame Durchsetzung dieser Interessen in einer seit Jahren deutlich konfliktreicheren Weltpolitik ermöglichen soll.
Befürworter*innen des Umbaus betonen Synergien und Vorteile für alle Politikfelder, da Deutschlands Interessen und geopolitischen Ziele sowie eine werte- und prinzipienorientierte Politik sich ergänzen würden. Kritiker*innen befürchten Zielkonflikte und inkohärente außenpolitische Ansätze mit Blick auf die Verteidigung des Völkerrechts, Deutschlands friedenspolitisches Engagement, humanitäre Prinzipien oder eine werteorientierte Entwicklungszusammenarbeit.
Auch am Beispiel von Deutschlands Engagement in Konfliktregionen wie dem Sudan, in Gaza und in der Ukraine diskutierten wir mit der Leitungsebene des Auswärtigen Amts sowie führenden friedenspolitischen und humanitären Expert*innen die neu ausgerichtete deutsche Außenpolitik:
- Katharina Ahrendts, Abteilungsleiterin Globale Ordnung, Vereinte Nationen und humanitäre Hilfe; Auswärtiges Amt
- Sarah Meschenmoser, Leiterin der Politischen Abteilung; Ärzte ohne Grenzen
- Gerrit Kurtz, Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten; Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP)
Das Event wurde moderiert von Ralf Südhoff, Direktor des Centre for Humanitarian Action.
Kämpfe in Tigray: “Es gab genug Warnungen”
Interview mit dem Spiegel, 26.9.2026
SPIEGEL: Herr Kurtz, erst vor vier Jahren endete der brutale Bürgerkrieg zwischen Äthiopiens Armee und der sogenannten Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF). Seit einigen Monaten scheinen die Spannungen wieder zuzunehmen. Nun haben Kämpfer der TPLF mehrere Flughäfen eingenommen, es gibt Berichte über heftige Kämpfe. Geht der Krieg jetzt wieder los?
Kurtz: In den vergangenen Monaten gab es immer wieder Kämpfe in Tigray – die waren allerdings in der Regel nach ein paar Stunden vorbei. Am vergangenen Sonntag haben die wichtigsten bewaffneten Gruppen Äthiopiens verkündet, dass sie eine »Allianz des Überlebens« bilden, die den Sturz der Regierung von Abiy Ahmed als Ziel hat. Mittlerweile spricht die TPLF selbst von Krieg. Das bedeutet nicht, dass es sich nicht wieder einfangen lässt – aber wir sehen hier schon eine ziemliche Eskalation.
SPIEGEL: Der vergangene Bürgerkrieg begann als Machtkampf zwischen der TPLF und der äthiopischen Regierung von Abiy Ahmed. Nach Schätzungen der Afrikanischen Union kostete der Krieg mehr als 600.000 Menschen das Leben, letztlich einigte man sich im Pretoria-Abkommen von 2022 auf einen Waffenstillstand. Warum scheint dieser nun zu zerbrechen?
Kurtz: Wichtige Punkte des Abkommens wurden nie umgesetzt, wie etwa die Rückkehr der Vertriebenen in ihre Heimat. Noch immer sind Hunderttausende Menschen vertrieben und leben unter extrem prekären humanitären Bedingungen. Das ist ein wichtiger Punkt, die große Frage ist jedoch eine politische: Was ist die künftige Rolle der TPLF?
Vor Abiys Amtsantritt 2018 dominierte die von Tigrayern geführte TPLF über Jahrzehnte die äthiopische Staats- und Sicherheitsordnung. Während des Krieges wurde die TPLF verboten, nach dem Kriegsende hätten sie sich laut Vorgaben aus Addis Abeba neu als Partei registrieren müssen – das wollte man aber in Mekelle auf keinen Fall.
Im Mai erklärte die TPLF schließlich, dass sie die von Abiy eingesetzte Übergangsregierung nicht anerkennen werde und man eine konkurrierende Regionalregierung bilde. Diese wurde dann wiederum von Addis Abeba nicht anerkannt. Das erinnerte bereits an die politische Konstellation vor dem November 2020, als der Bürgerkrieg ausbrach.
»Die Rebellen wissen noch aus dem vergangenen Krieg, dass es nicht so leicht ist, nach Addis Abeba zu marschieren.«
SPIEGEL: Gab es nun einen konkreten Auslöser?
Kurtz: Die Gründung der Rebellenallianz war lange vorbereitet worden. Dass wenige Tage nach ihrer Verkündung der Krieg beginnt, ist sicher kein Zufall. Im Juni haben Parlamentswahlen stattgefunden, Tigray blieb von der Wahl ausgeschlossen. Am 5. Oktober kommt das neue Parlament erstmals zusammen. Möglicherweise hat dieser Termin auch eine Rolle gespielt.
SPIEGEL: In der Allianz haben sich Rebellengruppen zusammengeschlossen, die einst gegeneinander kämpften. Nun ist ihr erklärtes Ziel, die Regierung zu stürzen.
Kurtz: Ja, und bis vor Kurzem haben sie das noch nicht so explizit gesagt. Das Hauptziel ist sicher, die Regierung massiv unter Druck zu setzen. Die Rebellen wissen noch aus dem vergangenen Krieg, dass es nicht so leicht ist, nach Addis Abeba zu marschieren.
SPIEGEL: Die Regierung von Abiy Ahmed wird von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt. Hat die Rebellenallianz ebenfalls ausländische Geldgeber im Rücken?
Kurtz: Nicht im gleichen Maße. Sie erhalten Unterstützung aus Eritrea, auch wenn der Nachbarstaat nicht Teil des neuen Bündnisses ist. Aber die Regierung in Asmara schickt anscheinend Munition und Waffen an die TPLF. Eine größere eritreische Truppenpräsenz in Tigray haben wir bislang nicht gesehen, das scheint auch nicht die Erwartung der Allianz zu sein. Die Rückendeckung ist geografisch wichtig: Im vergangenen Krieg konnten die Regierungstruppen die TPLF komplett isolieren, indem sie die Grenze in Zusammenarbeit mit Eritrea dichtmachten. Damals war Eritrea mit Äthiopien verbündet. Insofern ist die Versorgung aus Eritrea für die Rebellen sehr wichtig, das Land hat – anders als Äthiopien, mehrere Häfen.
SPIEGEL: Die isolierte, langjährige Diktatur Eritrea verfügt jedoch nicht über dieselben finanziellen Mittel wie die Emirate.
Kurtz: Das stimmt. Der wohl potenteste mögliche Partner für die Rebellenallianz wäre Ägypten. Kairo streitet mit Addis Abeba um die Nutzung des Nilwassers, und hat sich im Zuge dessen in den vergangenen Monaten sehr stark an Eritrea angenähert. Bislang gibt es aber keine Beweise für eine direkte ägyptische Unterstützung äthiopischer Rebellen.
»Man hätte die Eskalation in den vergangenen Monaten verhindern können.«
SPIEGEL: Äthiopien grenzt an den Sudan, wo seit über drei Jahren ein verheerender Bürgerkrieg geführt wird. Die sudanesische Armee wirft Äthiopien vor, die Rapid Support Forces (RSF) zu unterstützen. Könnte sich der Konflikt in einen Regionalkrieg wandeln?
Kurtz: Die Gefahr besteht, dass die Konflikte sich stärker verbinden – obwohl ihre Ursachen unterschiedlich sind. Schon jetzt sehen wir grenzüberschreitende Angriffe. Es gab eine ganze Reihe von Berichten über Drohnen, die aus Äthiopien in den Sudan geschickt worden sind, auch Waffen werden über die Grenze an die RSF geliefert. Bislang ist es nicht zu einem zwischenstaatlichen Konflikt zwischen Äthiopien und Sudan gekommen, auch, weil da offenbar gute Geheimdienstkontakte bestehen. Trotzdem stellt sich die Frage, wie weit das noch geht.
SPIEGEL: Lässt sich eine weitere Eskalation noch verhindern, und wenn ja, von wem?
Kurtz: Man hätte die Eskalation in den vergangenen Monaten verhindern können. Es gab genug Warnungen. Dieser Konflikt hat sich seit Monaten aufgebaut und die internationale Reaktion war nicht entschieden genug. Es gab Versuche der Mediation durch die Afrikanische Union, aber diese waren nicht besonders erfolgreich. Die USA haben versucht zu vermitteln, ließen aber gleichzeitig Sanktionen gegen die eritreische Regierung auslaufen, genau wie ein Waffenembargo gegen Äthiopien. Natürlich gab es immer wieder Aufrufe, das Waffenstillstandsabkommen von Pretoria umzusetzen, aber zu wenig konkrete Bemühungen, sowohl auf die äthiopische Regierung als auch auf die TPLF einzuwirken.
Wer jetzt noch eine Rolle spielen könnte, sind die arabischen Länder. Die Emirate haben viel Einfluss in Addis Abeba, Saudi-Arabien hat gewisse Kontakte nach Eritrea. Natürlich braucht es diplomatische Initiativen. Aber wenn man jetzt glaubt, man könne einfach eine neue Initiative anfangen, sollte man nicht vergessen, welche Fehler man schon gemacht hat.
Drohnen in Sudan. Der Krieg eskaliert mit ausländischen Waffen
Interview mit Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 28.Juli 2026
International Sudan conference in Berlin 2026: media
I spoke to several media on the third international Sudan conference that took place on 15 April 2026 in Berlin.
Interview: Sudan: Schwerste humanitäre Krise unserer Zeit, aber kaum jemand spricht darüber, mediasres, Deutschlandfunk, 15.4.2026
Interview: Sudan: “Krieg auf Kosten der Zivilbevölkerung”, ZDF Morgenmagazin, 15.4.2026
Interview: 3 Jahre Krieg in Sudan, SR Bilanz am Mittag, 15.4.2026 (ab 5:20)
Zitat: Arte Journal, 15 April 2026
“Doch ein Ende des Krieges in dem drittgrößten afrikanischen Land stehe bei der Sudan-Konferenz nicht auf dem Programm, erklärt Afrika-Experte Gerrit Kurtz im Gespräch mit Euronews. “Die Konfliktparteien sind gar nicht eingeladen, was diese auch kritisieren. Der Fokus liegt ausdrücklich auf zivilen Perspektiven.”
“Wichtig wäre, dass auch das Thema der Staaten, die direkt oder indirekt Konfliktparteien unterstützen, stärker behandelt wird. Ich zweifle daran, dass das ein Schwerpunkt sein wird. Insgesamt muss dort mehr passieren”, sagt Kurtz. “Es braucht echte Rechenschaft, die teilweise auch im persönlichen Gespräch eingefordert werden kann.”
Zitate in: euronews, 15.4.2026
“In Berlin werden Politiker relevanter Länder sowie Vertreter der UN und der sudanesischen Zivilgesellschaft erwartet. „Die Konferenz ist keine Friedenskonferenz“, sagt Gerrit Kurtz von der Stiftung Wissenschaft und Politik. „Niemand sollte seine Erwartungen zu hoch schrauben.“
Selbst eine dringend notwendige humanitäre Waffenruhe sei derzeit kaum in Sicht, so der Experte. „Es wäre bereits ein Fortschritt, wenn sich die sudanesischen Vertreter auf eine Erklärung zur Deeskalation des Konflikts einigen könnten.“ Ein solches Communiqué gilt nach einem Vorbereitungstreffen in Addis Abeba als wahrscheinlich, sagt Kurtz.
Gleichzeitig biete die Konferenz die Chance auf einen Perspektivwechsel, so der Experte: „Weg von den Kriegsparteien, hin zu denen, die bereits heute an gesellschaftlichem und politischem Frieden arbeiten.“”
Zitate in: Christian Putsch, Drei Jahre vergessener Krieg und die Angst, dass der Sudan endgültig zerfällt, Die Welt, 15.4.2026
“Ähnlich sieht das Gerrit Kurtz von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Er sagt, eine Beteiligung der Kriegsparteien hätte zu einer Blockade der Konferenz geführt, da «sie keinen konstruktiven Beitrag leisten können und wollen». Deren Kritik hingegen zeige, dass das Treffen den Friedensprozess voranbringen könnte. Die Botschaft an die Kriegsparteien sei klar: «Euch gehört nicht die Zukunft.»”
Zitate in Seit drei Jahren herrscht Krieg im Sudan. Nun fand in Berlin eine Friedenskonferenz statt – die wichtigsten Akteure aber fehlten, Neue Zürcher Zeitung, 16.4.2026
Interview: Blutspur bis ins Weltall – wie kann das Grauen im Sudan enden?, Politik und Hintergrund, Bayrischer Rundfunk, 17.4.2026
Sudan im Ausnahmezustand
Aufzeichnung einer Online-Diskussion der Friedrich-Naumann-Stiftung zu Entwicklungen in und zu Sudan 2025. Zusammen mit Marina Peter (Sudan und Südsudan Forum) diskutierte ich moderiert von Jessica Buchmann am 10.Dezember 2025.
Krieg in Sudan: Warum die Armee einen Waffenstillstand ablehnt
Interview mit dem SRF Rundfunk, 26.11.2025
Sicherheitshalber-Podcast: Krieg in der Ukraine
Das Sicherheitshalber-Team hat mich eingeladen, mit ihnen über den Krieg in Sudan, Hintergründe, externe Akteure und Handlungsmöglichkeiten zu sprechen.
Folge #101, 25.November 2025: https://sicherheitspod.de/2025/11/25/folge-101-krieg-im-sudan-diktatfrieden-in-der-ukraine/
The fall of El Fasher and mass atrocities in Darfur
On 26 October 2025, the Rapid Support Forces captured the division of the 6th infantry division of the Sudanese Armed Forces, fully consolidating their control of El Fasher in the following days. Subsequently, reports of mass atrocities by the RSF against Zaghawa and other non-Arab people trapped inside El Fasher emerged.
I spoke to several media outlets about the fall-out and implications of these events.
Interview with DLF Kultur Studio 9, 28.10.2025
Interview with ZDF Heute Update, 28.10.2025
Interview with Phoenix Der Tag, 28.10.2025
Interview with ZDF Heute Journal, 29.10.2025
Interview with SR Kultur Bilanz am Abend, 29.10.2025 (from 3:40)
Interview with Deutsche Welle, 31.10.2025 (from 16:10) (in English)
Quotes in ZEIT Online, 05.11.2025
Interview with Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 08.11.2025
Quotes in Deutschlandfunk Kultur, 12.11.2025
Wem gehört der Nil? Wie ein Megastaudamm das Horn von Afrika aufmischt
Interview mit dem FAZ-Podcast “Machtprobe”, 11.10.2025
Photo: Ethiopian PM Abiy Ahmed at the opening of the GERD in September 2025.