In: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik, 18.August 2026
Bild: A view of Lido beach in Mogadishu, AMISOM
1 Einleitung
Seit dem Sturz des damaligen Präsidenten Siad Barre 1991 und dem folgenden Bürgerkrieg haben Somalia und die sich im gleichen Jahr für unabhängig erklärte Region Somaliland ihre jeweils separaten Erfahrungen gemacht, einen Staat aufzubauen. Beide haben diesbezüglich Fortschritte zu verzeichnen, stoßen mittlerweile jedoch auch auf ähnliche Herausforderungen und Widersprüche.
Somalia ist beim Staatsaufbau sehr stark von internationaler Unterstützung abhängig gewesen, sowohl beim Aufbau legitimer Regierungen, für die Sicherheit angesichts des Konflikts mit Al-Shabaab, als auch für wirtschaftliche Ressourcen und Staatsausgaben. Im Unterschied dazu musste Somaliland ohne internationale Legitimität und mit deutlich weniger externen Ressourcen auskommen, hatte aber auch weniger eigene Sicherheitsprobleme. In beiden Gebieten spielte der Dialog mit einflussreichen Akteuren (insbesondere traditionellen Führungspersonen von Clans sowie den Vertretern somalischer Bundesstaaten) eine wichtige Rolle, der teils in einem Spannungsverhältnis zur Herausbildung einer stärkeren Zentralstaatlichkeit stand. Statebuilding und Friedensbemühungen nahmen teilweise sogar ein antagonistisches Verhältnis zueinander ein (Mushtaq 2018, S. 94).
Somaliland ist es gelungen, mehrfach direkte Mehrparteienwahlen zu organisieren, die zu friedlichen Machtwechseln führten. Umgekehrt beförderten opportunistische Eliten, eine schwache Zentralstaatstradition sowie die Verfügbarkeit von Ressourcen durch rivalisierende externe Akteure interne Machtkämpfe in Somalia. Dort fanden auf nationaler Ebene seit 2012 nur indirekte Wahlen statt, überdies jedes Mal nach einer umstrittenen Verlängerung der Wahlperiode. Die Machtkämpfe sind ebenfalls ein entscheidender Grund für mangelnde Fortschritte im Kampf gegen Al-Shabaab.
In den letzten Jahren haben sich die Statebuilding-Erfahrungen von Somalia und Somaliland jedoch angenähert. Im Dezember 2025 konnten Bürger*innen von Mogadischu an den ersten direkten Kommunalwahlen seit mehr als 50 Jahren teilnehmen. Im März 2026 beschloss das somalische Parlament in Mogadischu, die letzten Änderungen der Verfassung anzunehmen. Damit ging ein 14 Jahre langer Überarbeitungsprozess zu Ende. Auch auf nationaler Ebene sind direkte Wahlen geplant. Allerdings trat die Verlängerung der Legislaturperiode und damit der Amtszeit der aktuellen Regierung von vier auf fünf Jahren mit sofortiger Wirkung in Kraft. Dies traf auf deutliche Ablehnung anderer politischer Eliten in der Opposition, einschließlich in einigen der Bundesstaaten Somalias. Was ein Meilenstein in der staatlichen Entwicklung Somalias sein sollte – die Fertigstellung einer dauerhaften Verfassung – wurde zum Zankapfel politischer Eliten.
In Somaliland gab es 2023 einen bewaffneten Konflikt in der Stadt Las Anod, welchen die Sicherheitskräfte Somalilands verloren. Zwei Jahre später wurde dort der neue Bundesstaat North East ausgerufen, welcher sich Mogadischu zugehörig erklärte. Sowohl in Somalia als auch in Somaliland gibt es autoritäre Tendenzen von Regierungseliten (Elder 2021; Freedom House 2025). Die jeweilige Stärkung des Zentralstaates ging auf Kosten der territorialen Kohärenz der beiden Gebiete. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch die Unterstützung rivalisierender externer Akteure. Mogadischu arbeitet insbesondere mit der Türkei, Katar, Saudi-Arabien und Ägypten zusammen, während Somaliland eng mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Israel kooperiert (Chome 2026). Israel war auch der erste UN-Mitgliedsstaat, der Somaliland im Dezember 2025 als eigenständigen Staat anerkannte.
Im Folgenden werden die unterschiedlichen Statebuilding-Erfahrungen in Somalia und Somaliland betrachtet. Diese erklären auch die jeweilige Herangehensweise an internationale Zusammenarbeit. Die lang andauernde Verfassungsreform in Somalia war ein Machtkampf um die staatliche Organisation. In Somaliland hat die Anerkennungspolitik in den letzten Jahren an Dynamik gewonnen. Transaktional auftretende externe Akteure erleichtern es somalischen Eliten, ihre jeweiligen opportunistischen Ziele zu verfolgen, anstatt sich auf die Verbesserung der Lage der Bevölkerung zu fokussieren.
2 Entwicklung der Staatlichkeit in Somalia
Das überwiegend aride, tiefliegende Gelände, in dem die Somalis leben, hat keine Tradition eines starken Zentralstaats hervorgebracht. Die dominante Lebensform ist nomadischer Pastoralismus auf der Grundlage von Kamelen, die wechselnde Weidegründe brauchen. An diese Lebens- und Wirtschaftsweise angepasst entwickelte sich ein verzweigtes Clansystem als Solidargemeinschaft ohne starke politische Führungspersonen, jedoch mit eigenem Rechtssystem (Lewis 1988).
Dementsprechend war die Vorstellung von Nationalstaaten, wie sie im 19. Jahrhundert in Europa aufkam und über die Kolonialmächte ans Horn von Afrika gebracht wurde, der traditionellen sozialen Organisation von Somalis äußerst fremd. Die Erfahrung der imperialen Fremdherrschaft war dabei durchaus unterschiedlich. Während Italien im Süden und Zentrum Somalias versuchte, einen Zentralstaat aufzubauen, hielten sich die Briten im Norden deutlich stärker zurück und setzten auf die Zusammenarbeit mit traditionellen Eliten. Somalische Eliten grenzten sich auch vom äthiopischen Imperialismus ab, der von einer Tradition sesshafter Landwirtschaft und der solomonischen Monarchie im abessinischen Hochland ausging. Im Unterschied dazu unterhielten somalische Clanvertreter*innen „endless negotiations over how to share the spoils of government between them“ (Clapham 2017, S. 55). 1969 übernahm das Militär die Macht und etablierte die autoritäre Regierung unter Siad Barre, der den Gesamtstaat jedoch hauptsächlich mit Gewalt und Zwang zusammenhielt (sowie externer Unterstützung während des Kalten Krieges). Mit dem Ende der externen Unterstützung und Barres Sturz 1991 brach dieses Kartenhaus zusammen. Ohne staatliche Strukturen stützten sich Somalis auf die beiden Traditionen, die sich gehalten hatten: Clanherrschaft und Islamismus (Abdullahi „Baayadiyow“ 2018, S. 221). Bürgerkrieg, die Herausbildung von Warlords und eine Reihe militärischer Interventionen externer Mächte waren die Folge.
Bemühungen, die politischen Kräfte Somalias zu vereinen, standen den Ambitionen einiger Eliten entgegen, welche diese mit Gewalt verfolgten. Die Gründung von Übergangsregierungen auf internationalen Konferenzen verstärkte die Auseinandersetzung eher, beziehungsweise schuf neue Gelegenheiten, staatliche Positionen und damit Zugang zu Ressourcen zu verteilen (De Waal 2015). In den frühen 2000er-Jahren prägte der US-geführte „Globale Krieg gegen den Terrorismus“ Somalia. Dazu arbeiteten die USA auch mit Milizenführern und Warlords zusammen. Diese waren jedoch nicht im Stande, sich gegen die Islamisten durchzusetzen, welche vielmehr Mogadischu erobern konnten. Dies brachte 2006 wiederum Äthiopien dazu, militärisch zu intervenieren und die Islamisten der „Council of Islamic Courts“ aus der Hauptstadt zu vertreiben (Menkhaus 2007). Allerdings bildete sich aus dem Council of Islamic Courts Al-Shabaab, die sich später mit Al-Qaida verbündeten und heute weite Teile des ländlichen Territoriums im Süden und Zentrum Somalias kontrollieren.
Der somalische Staat ist weitgehend von externen Zuwendungen abhängig – 2025 machten externe Quellen Zweidrittel der staatlichen Einnahmen aus (Federal Government of Somalia 2026). Eigene Einnahmequellen sind beispielsweise Häfen und Flughäfen, an denen Zölle erhoben werden können, welche 2025 etwa 39 % der einheimischen Einnahmen ausmachten. Bundesstaaten (Federal Member States, FMS), die über eigene internationale Häfen verfügen – Jubaland und Puntland – sind deutlich weniger von Zuschüssen aus dem Bundeshaushalt abhängig als der Rest.Footnote 1 Das Verhältnis der FMS-Regierungen zur Bundesregierung sollte also auch vor diesem fiskalischen Hintergrund gesehen werden.
3 Erfolge und Grenzen von Staatlichkeit in Somaliland
Somalilands Erfahrung mit dem Wiederaufbau von Staatlichkeit wird oft sehr stark vom Rest Somalias abgegrenzt (Prunier 2026). Dabei sind auch dort Clan-Identität, die Kontrolle von Infrastruktur und der Umgang mit internationalen Akteuren eng miteinander verwoben.
Somaliland entstand im Mai 1991 im Kontext des bereits laufenden Bürgerkrieges zwischen dem Somali National Movement (SNM) und der somalischen Bundesregierung. Die SNM wandte sich gegen übergreifende Kontrolle aus dem Süden. Ende der 1980er-Jahre hatte es massive militärische Schläge der Bundesregierung gegen Städte im Norden gegeben, einschließlich der Bombardierung von Hargeisa. 50.000 bis 100.000 Zivilist*innen sollen bei dieser Militärkampagne getötet worden sein (Gordon 2023). Der Erfolg bewaffneter Gruppen im Süden, Mogadischu zu erobern, erneuerte die Angst vor der Dominanz des Südens. So entschieden die SNM sowie traditionelle Führer, die Union mit Somalia aufzulösen. Somalilands Argument für staatliche Eigenständigkeit besteht bis heute darin, dass das ehemalige britische Schutzgebiet 1960 für fünf Tage unabhängig war (und von den damaligen Großmächten als solches anerkannt wurde), bis es sich mit der ehemaligen italienischen Kolonie zur Republik Somalia zusammenschloss (Bradbury et al. 2003).
Zentral für die Entwicklung einer eigenständigen politischen Identität war die separate staatliche Entwicklung, die Somaliland seit 1991 genommen hat. Diese beruhte auf einem Dialog der wichtigsten Großclans und ihrer traditionellen Führungspersonen in der Region, welche über das Oberhaus (House of Elders oder Guurti) eine eigene Vertretung erhielten. Gerade in den ersten Jahren der Unabhängigkeit waren es diese traditionellen Führungspersonen, welche in internen bewaffneten Konflikten vermittelten und damit quasi-staatliche Aufgaben übernahmen (Bradbury et al. 2003, S. 459). So entstand ein hybrides System, das sehr viel stärker als (später) im Süden auf einer Kombination von traditionellen und modernen Elementen von Herrschaft beruhte. Die ersten Mehrparteienwahlen fanden im Dezember 2002 auf lokaler und im April 2003 auf nationaler Ebene statt. Seitdem hat es mehrere friedliche Machtwechsel gegeben.
Gleichwohl sind etwa im letzten Jahrzehnt zunehmend autoritäre Tendenzen zu beobachten. Somaliland wird von dem Isaaq-Großclan dominiert, demographisch und politisch. Während kleinere Clans sowohl im Osten als auch im Westen die Staatsgründung mittrugen, profitierten sie nur wenig von der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung der letzten Jahre (Norman 2023). Das politische Leben konzentriert sich in der Hauptstadt Hargeisa, während der Hafen (und Flughafen) von Berbera eine zentrale wirtschaftliche Rolle spielt. Isaaq-Unternehmer*innen im Zentrum profitierten vom Staat (Elder 2021). Investitionen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Großbritannien, der EU und den USA fokussierten sich auf die Entwicklung eines Infrastruktur-Korridors von Berbera bis nach Addis Abeba. Infrastruktur außerhalb von Hargeisa, Berbera und diesem Korridor ist jedoch kaum entwickelt, was zu Unzufriedenheit bei den dortigen Clans führte (Hoehne und Norman 2026, S. 16).
Am deutlichsten wirkte sich diese Entwicklung in der Stadt Las Anod im Osten aus. Ein lokaler Streit führte zu Protesten gegen die Regierung, die Anfang 2023 in einen bewaffneten Konflikt zwischen Sicherheitskräften von Somaliland und lokalen Milizen der Dhulbahante, des dort dominanten Großclans, eskalierten. Erstere beschossen Las Anod zwischenzeitlich mit Artillerie, konnten aber die Stadt nicht zurückerobern und zogen sich nach einem halben Jahr von Kämpfen aus der Region zurück. Die bewaffneten Gruppen (SSC-Khatumo) erklärten daraufhin eine eigene Verwaltung, mit dem Ziel, sich der Republik Somalia anzuschließen (Hoehne und Norman 2026). Die Bundesregierung in Mogadischu witterte eine Chance, das staatliche Projekt der abtrünnigen Region Somaliland zu schwächen und erkannte diese Verwaltung von ihrer Seite aus an. Im August 2025 wurde aus der Region der neue somalische Bundesstaat „North East“, zu dessen feierlicher Gründung im Januar 2026 der somalische Präsident Hassan Sheikh Mohamud anreiste – der erste Besuch eines somalischen Staatsoberhaupts im Norden seit 40 Jahren. In der Folge verlor Hargeisa die Kontrolle über ein knappes Drittel des beanspruchten Territoriums.
4 Die somalische Verfassungsreform
Das aktuelle politische System Somalias basiert auf der vorläufigen Verfassung von 2012, aus der die somalische Bundesregierung (Federal Government of Somalia, FGS) hervorging. Seitdem lief ein Überprüfungsprozess, um sich auf eine dauerhafte Verfassung zu einigen.
Ein zentraler Streitpunkt ist die föderale Organisation Somalias. Während Somaliland sich bereits 1991 abgesondert hatte und Puntland 1998 als autonome Region gegründet wurde, kamen die anderen heutigen FMS erst nach 2012 zustande, basierend auf den Aushandlungsprozessen zwischen den jeweiligen lokalen Machthabern, oft mit externer Unterstützung. Die Grenzen und Kompetenzen der FMS waren dabei umstritten, schufen sie doch jeweils eigene Mehrheitsverhältnisse für die lokalen Clans. Der Wiederaufbau der staatlichen Strukturen, an denen sie grundsätzlich Interesse hatten, wurde von diesen als Nullsummenspiel betrachtet, bei dem Gewinne einzelner Clans oder der Zentralregierung als Beeinträchtigung der eigenen Macht gesehen wurden (Mushtaq 2018, S. 94).
Über die lange Zeit der Staatsbildung nahmen die Clanfamilien eine zentrale Rolle ein. Die „4,5-Formel“ zur Aufteilung staatlicher Positionen und Abgeordneten im Parlament erhärtete die politische Bedeutung der Clans.Footnote 2 Die vorläufige Verfassung von 2012 sieht eigentlich direkte Wahlen vor. Wegen der angespannten Sicherheitslage und mangelnder politischer Einigkeit über die Organisation direkter „One Person One Vote“-Wahlen wurde die 4,5-Formel jedoch auch seit 2012 bei indirekten Wahlen angewandt. Dabei nahmen die FMS bei der Besetzung der Wahlgremien eine zunehmend einflussreiche Rolle ein (Rift Valley Institute 2023, S. 9).
Neben der mangelnden Sicherheit (angesichts der Präsenz von Al-Shaabab) sowie geringen Kapazitäten des Staates waren Streitigkeiten innerhalb der politischen Elite dafür verantwortlich, dass keine direkten Wahlen stattfanden. Sowohl 2016 als auch 2020 gab es keine rechtzeitige Einigung über den Wahlprozess, sodass die Legislaturperiode verlängert wurde. Mächtige FMS warfen der Bundesregierung vor, das politische System dominieren zu wollen. Dies war auch bei der Diskussion der Verfassungsänderungen 2023–2026 der Fall. Die Verfassungskommission schlug vor, ein präsidentielles System mit direkt gewähltem Präsidenten einzuführen. Die Zahl der zugelassenen Parteien sollte auf die jeweils zwei stärksten, die aus den Kommunalwahlen hervorgegangen wären, begrenzt werden, gleichwohl es ein Verhältniswahlrecht geben sollte. Im parlamentarischen Verfahren und Verhandlungen mit der Opposition wurden diese Vorschläge jedoch noch stark verändert, sodass der Präsident wie bisher von den Abgeordneten gewählt werden und es keine Begrenzung der politischen Parteien geben sollte (nur eine 10 %-Hürde) (Schmidt 2026). Am 4. März 2026 nahmen Mehrheiten des Unter- und des Oberhauses im Parlament diese Verfassungsänderungen an.
Dennoch wandte sich die somalische Opposition, insbesondere die Präsidenten der Bundesstaaten Puntland und Jubaland sowie ehemalige hochrangige somalische Regierungsmitglieder, gegen die Verfassungsänderungen, insbesondere die Verlängerung der laufenden Wahlperiode.
Puntland hatte sich bereits 2022 aus der weiteren Überarbeitung der Verfassung rausgezogen. Nachdem das Parlament in Mogadischu im März 2024 die ersten vier Kapitel der überarbeiteten Verfassung angenommen hatte (einschließlich Stimmen von Abgeordneten aus Puntland), zog die Regionalregierung des nördlichen Bundesstaats sogar seine Anerkennung der somalischen Bundesregierung zurück. Said Abdullahi Mohamed Deni, der Präsident Puntlands, trat 2022 bei den somalischen Präsidentschaftswahlen an und erklärte bereits 2025 seine erneute Kandidatur (Mustaqbal Media 2025).
Jubaland, ganz im Süden Somalias, zog seine Zusammenarbeit mit der FGS im November 2024 zurück. Vorausgegangen waren von der FGS nicht anerkannte Regionalwahlen, welche die Basis für eine dritte Amtszeit des Präsidenten von Jubaland, Ahmed Mohamed Islam Madobe, schufen. In der Bundesverfassung sind mehr als zwei Amtszeiten nicht vorgesehen. In der Folge kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Einheiten der Bundesregierung und der Regionalregierung von Jubaland, aus denen letztere als Sieger hervorgingen. Somalische Truppen mussten über die Grenze nach Kenia fliehen.
Im März 2026 schloss sich South West State der Kritik der anderen beiden Bundesstaaten an den Verfassungsänderungen an und beendete ebenfalls die Zusammenarbeit mit der FGS. In diesem Fall konnte sich Mogadischu jedoch durchsetzen. Die Regierung entzog dem damaligen Präsidenten von South West State, Abdiaziz Mohamed Hassan (Laftagaren), seine Anerkennung und schickte Truppen in die regionale Hauptstadt Baidoa. Laftagaren zog sich zurück. Im Gegensatz zu den Auseinandersetzungen in Jubaland, wo äthiopische Truppen auf Seiten der Regionalregierung eingegriffen hatten, hielten sie sich in South West State zurück.
Die militärischen Auseinandersetzungen in Jubaland und South West State deuten auf ein grundsätzliches Problem hin: Es gibt kein Verfassungsgericht oder sonstige belastbare Institution, welche einen Streit zwischen FMS und FGS entscheiden könnte (SOMLAW 2026). Wenn Verhandlungen scheitern, greifen die Beteiligten regelmäßig zu Gewalt.
5 Somalische Anerkennungspolitik
War die Erlangung völkerrechtlicher Anerkennung ein langgehegtes Ziel von Regierungen in Hargeisa, nahm dieses Vorhaben mit dem Verlust von Las Anod 2023 eine neue Dynamik an (Hoehne und Norman 2026, S. 27). Am 1. Januar 2024 schloss Somaliland ein Memorandum of Understanding (MoU) mit Äthiopien ab. Laut äthiopischer Regierung sollte Äthiopien eine Marinebasis sowie verbesserten maritimen Handelszugang erhalten. Dafür sollte Somaliland Anteile an Ethiopian Airlines bekommen und die äthiopische Regierung versprach, ihre Position gegenüber der Anerkennung Somalilands zu prüfen (ENA English 2024).
Massive Proteste aus Mogadischu folgten. Die somalische Regierung organisierte diplomatischen Widerstand in der Arabischen Liga, intensivierte die Zusammenarbeit mit Ägypten und Eritrea, den wichtigsten regionalen Gegnern Äthiopiens, und drohte, die äthiopischen Truppen in Somalia des Landes zu verweisen. Im November 2024 verlor der somaliländische Präsident Muse Bihi Abdi die Präsidentschaftswahlen. Mitte Dezember 2024 erzielte die Türkei eine Einigung zwischen Abiy Ahmed, dem äthiopischen Ministerpräsidenten, und Hassan Sheikh Mohamud, dem somalischen Präsidenten. Das MoU wurde darin zwar nicht direkt erwähnt, aber die Regierungen verkündeten, auf einen verlässlichen Meereszugang für Äthiopien hinzuarbeiten (Republic of Türkiye Ministry of Foreign Affairs 2024). Die Aussicht auf eine baldige äthiopische Anerkennung Somalilands verschwand.
Die neue somaliländische Regierung schaffte es, im Dezember 2025 Israel als ersten UN-Mitgliedsstaat zu gewinnen, der das Gebiet als eigenständigen Staat anerkannte. Für Israel ging es primär um nationale Sicherheitsinteressen. Die Lage von Somaliland am Golf von Aden gegenüber von Jemen ist hierbei zentral. Israel ist mehrfach von den Houthis, die mit Iran in der sogenannten „Achse des Widerstands“ verbündet sind und Teile Jemens kontrollieren, angegriffen worden. Die Houthis beschossen darüber hinaus 2024/25 Handelsschiffe im Roten Meer, die Israel anfuhren und die sie mit Israel verbündeten Staaten zurechneten. Von Somaliland aus kann Israel die Aktivitäten der Houthis leichter überwachen. Für Israel dient das Engagement in Somaliland, das eng mit den VAE zusammenarbeitet, zudem als Gegengewicht zum türkischen Einfluss in der Region (Donelli 2026). Entgegen der somaliländischen Erwartungen hat die israelische Anerkennung jedoch keinen Kaskadeneffekt ausgelöst, bei dem andere Regierungen nachgezogen hätten. Neben Äthiopien und den VAE hat Somaliland insbesondere Aspirationen, die USA und Großbritannien zu diesem Schritt zu bewegen. So gibt es offene Sympathien für die Anerkennung Somalilands bei konservativen Politikern wie dem ehemaligen britischen Verteidigungsminister Gavin Williamson (Duale 2026) oder republikanischen Abgeordneten in den USA. Die jeweiligen Regierungen hielten sich aber bisher zurück. Im UN-Sicherheitsrat verteidigten die USA zwar Israels Anerkennung Somalilands, betonten aber, dass ihre eigene Haltung in der Frage sich nicht geändert habe (UN News 2025).
6 Schlussfolgerungen
Statebuilding in Somalia hängt entscheidend von internationaler Unterstützung ab. Diejenigen FMS bzw. Regionen, die ausländische Investitionen insbesondere in Infrastruktur und den Sicherheitssektor anziehen konnten, können eine unabhängigere Politik gegenüber der Regierung in Mogadischu verfolgen. Dies betrifft Jubaland und Puntland sowie Somaliland. In allen drei Gebieten investierten die Vereinigten Arabischen Emirate in dortige Häfen sowie Militärbasen in Berbera, Bosaso und Kismayo. Verschiedene ausländische Trainingsbemühungen der somalischen Streitkräfte bzw. einzelner Spezialkräfte stärkten zwar durchaus die jeweiligen Einheiten im Kampf gegen Al-Shabab, allerdings blieb die Integration dieser Kräfte, die oft ihre Clan-Loyalität behielten, in eine einheitliche Armee eine große Herausforderung (Robinson und Matisek 2021). Eigene Kräfte der FMS zementierten die Fragmentierung. Hinzu kommt, dass Äthiopien und Kenia als wichtigste Nachbarstaaten ein Interesse daran haben, die Bedrohung von Al-Shaabab von ihrem eigenen Territorium fernzuhalten. Dafür halten sie eigene Truppen, sowohl als Teil der Mission der Afrikanischen Union als auch auf bilateraler Basis, in Somalia, die mit FMS wie Jubaland sehr eng zusammenarbeiten. Dieses Engagement läuft somit eher auf Pufferzonen in den jeweiligen Grenzregionen als auf die Stärkung des somalischen Gesamtstaates hinaus.
Insgesamt müssten Bemühungen zum Staatsaufbau nicht im Widerspruch zur somalischen Tradition von Dialog und Konsens stehen. Angesichts der Vielfalt der somalischen Gesellschaft könnte ein demokratisches System mit direkten Wahlen vielmehr Koalitions- und Konsensbildung befördern. Somalilands Erfahrung zeigt, dass traditionelle Elemente mit solchen modernen Institutionen zusammenwirken können. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die beteiligten Eliten tatsächlich die verschiedenen Konzepte miteinander verbinden wollen und nicht opportunistisch auf den jeweils größten Gewinn an Ressourcen und politischen Verbindungen aus sind. Die wachsende Konkurrenz externer Mächte, die Interesse am Horn von Afrika haben, erleichtert jedoch dieses Verhalten.
Notes
- Während Hirshabelle 2020 98 % seiner Einnahmen aus Zuwendungen erhielt, waren dies bei Puntland nur 13 % und 43 % bei Jubaland (Davies et al. 2023).
- Das 4,5 System wurde erstmals 1997 eingeführt und 2000 reformiert. Indem es sich auf Clans und nicht auf Territorien bezog, sollte es die kriegsbedingte Binnenvertreibung und die Sicherheitslage berücksichtigen. Nach dem System erhalten die vier größten Clanfamilien jeweils die gleiche Anzahl an Sitzen im Parlament, während alle anderen kleineren Clans (die „0,5“) die Hälfte von Sitzen eines Clans erhalten (Rift Valley Institute 2023).