Äthiopien und das Meer

Seit Jahren fordert Addis Abeba einen eigenen Meereszugang. Dabei richtet sich der Fokus auf Eritrea, doch die bilateralen Beziehungen sind schwer belastet. Für einen Kompromiss am Horn von Afrika fehlt derzeit das notwendige Vertrauen.

in: Internationale Politik Juli/August 2026, 29.06.2026

Die Botschaft war nicht sehr subtil. Bei einer Militär­parade im Februar 2026 in Awassa zeigten die äthiopischen Streitkräfte ein riesiges Banner. Auf diesem war ein Soldat zu sehen, der eine Tür eintritt, und daneben die Worte: „Ob sie es mögen oder nicht, wir werden kein Binnenstaat sein.“

Die äthiopische Regierung spricht immer wieder von ihrem Recht auf einen souveränen Zugang zum Meer. Denn seit der Unabhängigkeit Eritreas im Jahr 1993 ist Äthiopien ein Binnenstaat – mit rund 135 Millionen Menschen der bevölkerungsreichste weltweit. Bei einer Rede vor Parlamentsabgeordneten sprach Ministerpräsident Abiy Ahmed Ali 2023 davon, dass sein Land nicht in einem „geografischen Gefängnis“ leben dürfe. Und fast so, als wäre der Premier ein außenstehender Beobachter, führte Abiy aus, dass es sonst zu einem Konflikt kommen könne: Das Rote Meer sei „die natürliche Grenze Äthiopiens“.

Aus historischer Perspektive ist das eine eher selektive Darstellung. Denn trotz vorherigen abessinischen Einflusses kontrollierten vom Osmanischen Reich abhängige Herrscher über Jahrhunderte die heutige eritreische Küste am Roten Meer, bevor diese erst unter ägyptisch-britischen Einfluss und anschließend unter italienische Kolonialherrschaft kam; im Jahr 1869 kaufte Italien den Hafen von Assab.

Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlangte Äthiopien direkten Zugang zum Roten Meer und baute eine imperiale Marine auf. Nach der Unabhängigkeit Eritreas konnte Äthiopien dessen wichtigste Häfen in Massawa und Assab zu vorteilhaften Konditionen nutzen – bis zu dem verheerenden Grenzkrieg von 1998 bis 2000.

Außenhandel über Dschibuti
Wirtschaftliche Gründe sprechen für eine Diversifizierung der äthiopischen Handelswege. Derzeit muss sich Äthiopien für seinen Außenhandel primär auf
die Stabilität Dschibutis verlassen: 95 Prozent der äthiopischen Im- und Exporte laufen über das kleine Land. Sollte es dort zu Spannungen kommen – beispielsweise angesichts der Basen der USA und Chinas –, hätte das
fatale Folgen für die Versorgung des äthiopischen Marktes. Zudem
kostet die Abwicklung des Außenhandels über Dschibuti Äthiopien jedes Jahr rund 1,5 Milliarden US-Dollar an Hafen- und Liegegebühren, die in knappen
ausländischen Devisen bezahlt werden müssen. Hinzu kommen erhebliche Ineffizienzen der logistischen Infrastruktur.
Abiy spricht davon, dass Äthiopien eine „Supermacht in Afrika“ werden solle, was ohne eigenen Meereszugang nicht möglich sei. Es geht um die nationale Sicherheit und die „Existenz“ eines Landes in einer spannungsgeladenen Region. Ein Militärhafen mit Landverbindung würde es Äthiopien ermöglichen,
Rüstungslieferungen über den Seeweg zu empfangen, ohne dass Drittstaaten davon Kenntnis erlangen.

Äthiopien baut eine eigene Marine auf, um in der Lage zu sein, Macht im Roten Meer und im Golf von Aden zu demonstrieren.
Denn nicht nur die sich ausweitende ägyptische Kooperation mit Eritrea und Somalia sorgt in Addis Abeba für Unruhe, auch zahlreiche weitere Mittelmächte
wie die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und Israel verfolgen in dieser Region maritime Interessen.

Konflikte mit Eritrea

Wie weit Ministerpräsident Abiy für das Ziel eines souveränen Meereszugangs gehen würde, ist unklar. Er selbst schließt militärische Gewalt und einen Krieg
rhetorisch aus. Den Status quo herauszufordern, gehört aber durchaus zur Methode. Am Neujahrstag 2024 schloss Äthiopien eine Vereinbarung mit
Somaliland. Nach dieser sollte Äthiopien einen Marinehafen an dessen Küste errichten dürfen, wofür die abtrünnige Region Somalias Anteile an Ethiopian
Airlines erhalten sollte – und die Aussicht auf völkerrechtliche Anerkennung. Mogadischu organisierte jedoch einen breiten diplomatischen Protest, näherte
sich Ägypten und Eritrea an und drohte damit, die zur Bekämpfung Al-Shabaabs in Somalia stationierten äthiopischen Truppen des Landes zu verweisen. Nach türkischer Vermittlung einigten sich Abiy und der somalische
Präsident Hassan Sheikh Mohamud Ende 2024 darauf, einen verlässlichen Meereszugang für Äthiopien nur unter somalischer Souveränität zu verfolgen.
Danach schwenkte Äthiopiens Blick hinsichtlich eines Meereszugangs wieder auf Eritrea um.

Die Rhetorik verschärfte sich zusehends. Im Oktober 2025 schickte Äthiopien einen Brief an UN-Generalsekretär António Guterres, in dem Eritrea vorgeworfen wurde, mit der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF)
einen Krieg gegen Addis Abeba vorzubereiten. Einen Monat später legte Äthiopiens Außenminister Gedion Timothewos in einer Rede vor ausländischen
Diplomaten ausführlich die Beschwerden gegenüber Eritrea dar. Gedion ging sogar so weit zu sagen, dass ein „Casus Belli“ bereits vorliege, aber Äthiopien
sich bewusst zurückhalte.

In Eritrea treffen solche Aussagen auf eine Regierung, die seit Jahrzehnten vor ausländischer Einflussnahme warnt. Das Vertrauen in internationale Akteure
ist sehr gering. Man fühlt sich immer wieder ungerecht behandelt – zum Beispiel als Äthiopien die Entscheidung der unabhängigen Grenzkommission
nach dem Krieg nicht umsetzte, ohne dafür sanktioniert zu werden. Hingegen erließ der UN-Sicherheitsrat 2009 ein Waffenembargo und Sanktionen gegen
Eritrea wegen dessen Unterstützung für Al-Shabaab; diese wurden erst 2018 aufgehoben.

Nach Abiys Amtsantritt 2018 hatten sich die beiden Länder angenähert, einschließlich persönlicher Treffen von Abiy und dem eritreischen Präsidenten
Isaias Afewerki. Die äthiopischeritreische Zusammenarbeit, das wurde bald deutlich, diente vor allem dazu, gemeinsam gegen die TPLF zu kämpfen. Isaias
machte die TPLF, die zu der Zeit die äthiopische Regierung dominiert hatte, für den Krieg Ende der 1990er Jahre und die darauffolgende internationale
Isolierung verantwortlich. Eritreische Truppen nahmen in großer
Zahl an dem Krieg in Tigray teil und verübten Berichten zufolge massive Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung.
An dem Pretoria-Abkommen, das den Krieg im Norden Äthiopiens
im November 2022 beendete, war Eritrea nicht beteiligt. Wie
Abiy später selbst sagte, wollte Eritrea die TPLF gänzlich vernichten,
statt ihr zu einem neuen politischen Leben zu verhelfen. So kühlte sich das Verhältnis zwischen Asmara und Addis Abeba wieder ab. Eritrea unterstützte
die Fano, amharisch-nationalistische Rebellen, die sich 2023 gegen den äthiopischen Staat wandten.

Doch die Umsetzung des Pretoria-Abkommens stockte, und in der TPLF setzten sich Hardliner durch, welche die Addis Abeba gegenüber treue Übergangsregierung von Tigray entmachteten. Sowohl Asmara als auch die
TPLF stellten ihre gegenseitige Feindschaft zurück und gingen eine taktische Zusammenarbeit ein im Glauben, so die Regierung in Addis Abeba schwächen zu können.


Drohungen, Disruption, Krieg?
Die jahrelange öffentliche Inszenierung des Themas zeigt, dass
es Äthiopien nicht um kurzfristige Interessen geht. Internationale
Legitimität ist ein wichtiger Faktor. Die USA und auch andere Regierungen haben Addis Abeba in klaren Worten gesagt, dass ein offener Einmarsch in Eritrea inakzeptabel wäre. Er würde wahrscheinlich auch das milliardenschwere Programm des Internationalen Währungsfonds
mit Äthiopien gefährden. Gleichzeitig setzen sowohl Washington
als auch die EU derzeit auf Annäherung an Äthiopien.
Die äthiopische Regierung ist sich bewusst, dass ein direkter, konventioneller Krieg mit Eritrea ein hohes Risiko für die eigene Sicherheit darstellen würde. Äthiopien verfügt zwar über moderne Drohnen und ein großes Heer,
aber Eritrea ist seit Jahrzehnten eine stark militarisierte Gesellschaft.
Selbst eritreische Oppositionelle würden eher auf Seiten des autoritären Regimes von Isaias kämpfen, als eine äthiopische
Besatzung zu akzeptieren. Eritrea könnte seinerseits Druck über
die Zusammenarbeit mit einer ganzen Reihe von äthiopischen
Oppositionsbewegungen ausüben, auch wenn diese inhaltlich
nicht viel verbindet. Eine weitere Regionalisierung von Konflikten
im Sudan und in Somalia wäre wahrscheinlich.
Vermittlungsbemühungen der USA, Saudi-Arabiens und europäischer
Akteure waren bislang nicht erfolgreich. Ein Kompromiss ist denkbar, der regionale Integration und grenzübergreifende Transportinfrastruktur
mit vertrauensbildenden Sicherheitsmaßnahmen und schließlich einer äthiopischen Marinebasis in Somaliland oder Dschibuti verbindet, aber ohne
extraterritorialen Korridor zum äthiopischen Kernland. Für eine solche Lösung braucht es jedoch das Vertrauen aller beteiligten Seiten. Am Horn von Afrika ist
davon derzeit wenig zu spüren.

Neue Unruhe am Horn von Afrika: Somaliland bietet Äthiopien Hafen gegen Anerkennung

Jemenitische Huthis beschießen Schiffe im Roten Meer. Auf der anderen Seite der Meerenge kocht nun ein weiterer Konflikt hoch. Jetzt reist Außenministerin Baerbock in die Region.

Erschienen im Tagesspiegel, 24.01.2024

Während die Huthi-Angriffe auf Schiffe im Roten Meer internationale Aufmerksamkeit auf den Jemen lenken, spitzt sich auch am anderen Ufer die regionale Konfrontation zu. Das Abkommen, das Äthiopien und Somaliland am 1.Januar 2024 unterzeichneten, beunruhigt die Region am Horn von Afrika.

Sowohl Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed als auch Somalilands Präsident Muse Bihi Abdi verfolgen mit dem Abkommen langjährige Interessen ihrer beiden Länder. Die nördliche Region Somaliland erhebt seit 1991 den Anspruch auf Unabhängigkeit von Somalia, dem bisher allerdings kein UN-Mitglied gefolgt ist. Allerdings treiben die beiden Regierungschefs mit ihrer unabgestimmten Vorgehensweise eine ohnehin konfliktreiche Region weiter auseinander. In dieser Form gefährdet der Deal die Stabilität am Horn von Afrika und dient kurzfristigen politischen Prioritäten.

Als Teil des Abkommens will Äthiopien einen 20 Kilometer langen Küstenstreifen in Somaliland für 50 Jahre pachten, um kommerzielle Hafendienste zu nutzen und eine Basis für die im Aufbau befindliche äthiopische Marine zu errichten. Äthiopien hatte 1993 mit der Unabhängigkeit Eritreas den direkten Zugang zum Meer verloren. In einer viel beachteten Rede hatte Abiy im Oktober 2023 gar davon gesprochen, dass Äthiopien als bevölkerungsreichstes Binnenland der Welt nicht ein „Gefangener der Geographie“ werden dürfe. Die Benutzung des Hafens von Dschibuti, den Äthiopien derzeit überwiegend für seinen Handel nutzt, kostet die Wirtschaft rund 1,5 Milliarden US-Dollar Gebühren pro Jahr.

Im Gegenzug, und das ist der kontroverse Teil der Abmachung, stellt Äthiopien Somaliland in Aussicht, das Land diplomatisch anzuerkennen. Somaliland bezieht sich auf die Grenzen des früheren britischen Protektorats, das 1960 für fünf Tage unabhängig war, bevor es sich mit der früheren italienischen Kolonie am Indischen Ozean zu Somalia vereinigte. In den 1980er Jahren gab es einen brutalen Bürgerkrieg zwischen somaliländischen Rebellen und der Zentralregierung, in deren Folge sich die Region abspaltete. Während Somalia nach dem Sturz des Diktators Siad Barres ins Chaos stürzte, bauten die Menschen in Somaliland ohne viel äußere Hilfe ihren Staat auf, der traditionelle und demokratische Elemente vermischt.

Ob das völkerrechtlich nicht bindende Abkommen tatsächlich die von den beiden Regierungen erhoffte Wirkung zeigen wird, ist allerdings offen. Der Text selbst wurde nicht veröffentlicht. Äthiopien stellte klar, dass es lediglich versprochen habe, „eine tiefgehende Bewertung durchzuführen hinsichtlich einer Position gegenüber den Bemühungen von Somaliland Anerkennung zu erlangen.“ Es ginge eher um Geschäftsinteressen, erklärte der nationale Sicherheitsberater Äthiopiens, Radwan Hussein. Als Bezahlung soll Somaliland entsprechende Anteile an der Fluggesellschaft Ethiopian Airlines erhalten, da Äthiopien über kaum Devisen verfügt.

Seit der Bekanntmachung des Abkommens zwischen Äthiopien und Somaliland ist die Region in Aufruhr. Somalias Präsident Hassan Sheikh Mohamud versprach dem Parlament, „jeden Zoll unseres Territoriums zu schützen“ und mobilisiert diplomatische Unterstützung. Eritrea, Ägypten, die Arabische Liga und die USA sprachen sich gegen das Abkommen aus.

Entscheidend ist das politische Signal, das von dem Abkommen ausgeht. Es zerstört Vertrauen, das ohnehin Mangelware am Horn von Afrika ist. Sowohl Abiy als auch Bihi stehen innenpolitisch stark unter Druck, wie bewaffnete Konflikte in den äthiopischen Regionen Amhara und Oromia sowie in der Region um Las Anod im östlichen Somaliland zeigen. Davon soll der Deal mutmaßlich ablenken und Autonomie- und Abspaltungstendenzen entgegenwirken.

Sowohl Äthiopiens Interesse an einem gesicherten Meereszugang als auch Somalilands Streben nach Anerkennung mögen nachvollziehbar seien. Doch um beide Ziele langfristig abzusichern, braucht es eine Verständigung mit allen betroffenen Stakeholdern. Dazu gehören die Staaten der Region einschließlich der Zentralregierung in Mogadischu. Tatsächlich hatten Somalia und Somaliland nur wenige Tage vor der Verkündung des Abkommens unter Vermittlung Dschibutis beschlossen, Gespräche über ihr gemeinsames Verhältnis wiederaufzunehmen.

Zudem trägt die Abmachung zu einer Lagerbildung bei, welche außerregionale Mächte einschließt. Somalia und Eritrea suchen die Kooperation Ägyptens. Umgekehrt verbinden Äthiopien und Somaliland enge Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch im Krieg im Nachbarland Sudan unterstützen Ägypten und die VAE unterschiedliche Seiten.

Die Regionalorganisation IGAD ist gespalten, wie ihr jüngster Gipfel letzte Woche in Kampala zeigte. Dort stand das Abkommen auf der Tagesordnung, doch Abiy blieb dem Treffen fern.

Es bräuchte ein Dialog-Format, bei dem sowohl die regionalen als auch die außer-regionalen Regierungen zusammenkommen, was weder bei der Afrikanischen Union noch der Arabischen Liga der Fall ist. Die EU sollte eine entsprechende regionale Diplomatie unterstützen. Außenministerin Baerbock, die diese Woche die Region bereist, könnte sich dafür einsetzen.