Nachhaltiges Friedensengagement in Zeiten kurzlebiger »Deals«

Beitrag in: Barbara Lippert/Stefan Mair (Hrsg.): Mit, ohne, gegen Washington: Die Neubestimmung der Bezie­hungen Europas zu den USA, SWP-Studie 2026/S 03, 22.01.2026

Ob in Nahost oder der Ukraine, in Sudan oder in Syrien: Die USA spielen in vielen Konflikten eine wichtige, teilweise unverzichtbare Rolle. Präsident Trump inszeniert sich als Friedensvermittler, der eta­blierte Normen, Institutionen und Praktiken bewusst außen vor lässt. Die von der US-Adminis­tration geführ­ten Verhandlungsprozesse und durchgesetzten »Deals« brechen mit den Säulen eines Systems der internationalen Konfliktbearbeitung, Vermittlung und Frie­dens­förderung, in das wenige Länder mehr investiert haben als Deutschland. Hinter den öffent­lich insze­nierten Handschlägen im Beisein Trumps stehen oft neoimperialistische Vorstellungen einer Großmachtdiplomatie zur Aufteilung von Interessensphären und zur Ressourcenausbeutung, ohne die Be­troffenen angemessen zu beteiligen. Konfliktparteien öffentlich unter Druck zu setzen, ein beliebtes Mittel der Trump-Administration, führt oft nur zu oberfläch­lichen, kurz­lebigen Deals für Waffenruhen, ohne die Kon­flikt­ursachen anzugehen, sodass die Feuerpausen bald von erneuter Gewalt unterbrochen werden. Gleichzeitig ist es Ausdruck der Schwäche des tra­dier­ten multilateralen Friedensengagements, in jüngerer Zeit zu wenig eigene belastbare Erfolge her­vorge­bracht zu haben. Deutschland sollte US-geführte Initia­tiven nach ihrem Beitrag zu tatsächlicher Sicher­heit der betroffenen Bevölkerungen bemessen und – mindestens als Ergänzung – wieder stärker in prin­zipien­geleitetes Friedensengagement investieren.

Bröckelnde Grundannahmen

Das deutsche Engagement in der Konfliktbearbeitung und Friedensförderung beruht auf wohlverstandenen außenpolitischen Interessen.1 Deutschlands Interesse an nachhaltigen Friedensordnungen folgt der Einsicht, dass ein derart auf internationale Zu­sammenarbeit, freien Handel und eine offene Gesell­schaft angewiesenes Land sich nicht von den Aus­wirkungen bewaffneter Konflikte abschotten kann.2 Außenminister Johann Wadephul wirbt für dieses Engagement auch außerhalb öffentlich beachteter Brennpunkte: »Ich bin davon überzeugt: Krisen und Konflikte, die wir ignorieren, von denen wir uns ein­bilden, sie beträfen uns nicht, kommen früher oder später zu uns. Deswegen müssen wir uns dort vor Ort engagieren.«3

Bewaffnete Konflikte, Terrorismus und fragile Situa­tionen im Nahen Osten sowie auf Europas Nach­barkontinent Afrika berühren das friedliche Zusammen­leben in einer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft, den Wohlstand und die Sicherheit in Deutschland. In einer zunehmend kompetitiven internatio­nalen Ordnung hat Deutschland außerdem ein über­geordnetes Interesse, sich für die Einhaltung grund­legender Normen des Völkerrechts einzusetzen, die auch deutsche Staatsbürger:innen schützen – wie das zwischenstaatliche Gewaltverbot, territoriale Inte­grität und die Verhinderung von Völkermord.

Seit Mitte der 2010er Jahre hat Deutschland sein »integriertes Friedensengagement« ausgeweitet, zu dem eine ganze Reihe von Maßnahmen wie Friedens­mediation, Rechtsstaatsförderung oder die Stärkung legitimer Staatlichkeit gehört.4 Auf diesem Feld der zivilen Friedensförderung ist Deutschland schon seit 2017 der größte Geber weltweit, mit Schwerpunkten unter anderem im Irak, im Tschadseebecken oder in der Ukraine (jenseits der Militärhilfe). Seit 2023 hat Deutschland seine Mittel in diesem Bereich allerdings um 40 Prozent gekürzt.5

Wichtige Annahmen, die dem deutschen Ansatz zugrunde liegen, waren bereits angesichts der Fehl­schläge in Afghanistan und Mali brüchig geworden.6 Unter der Trump-Administration funktionieren sie teil­weise gar nicht mehr. Deutschland leistet seine Bei­träge zu Konfliktbearbeitung und Friedensförderung regelmäßig in Kontexten, in denen politische Prozesse vorrangig von anderen Mächten wie den USA geprägt werden. In der Regel sah sich Deutschland als unterstützender Akteur, der die Aushandlung zentraler politischer Parameter de facto Konflikt­parteien, lokalen Eliten und einflussreicheren Staaten überließ, oft moderiert von multilateralen Sonder­gesandten.7 Dies lag an den eigenen begrenzten Kapa­zitäten, mangelnden Zugängen zu Eliten oder der Risikoaversion der deutschen Außenpolitik, trug aber auch dazu bei, dass sich Deutschland als guter multi­lateraler Mitgliedstaat der Vereinten Nationen (UN) profilieren konnte, der gemeinsame Fonds und Akti­vitäten besonders emsig unterstützt.

Die USA setzten bereits seit langem auf Elitendeals, die auf den kurzfristigen Erfolg orientiert waren.

Bereits vor der ersten Trump-Administration setz­ten die USA häufig auf begrenzte Elitendeals, die oft eher auf den kurzfristigen, sichtbaren Erfolg hin ori­entiert waren als auf nachhaltige Friedenssicherung.8 Wie kurzsichtig solch ein Ansatz sein konnte, erfuhr die Bundesregierung unter anderem beim Fall Kabuls, nachdem die erste Trump-Administration ein Abkom­men mit den Taliban ausgehandelt hatte, welches die international anerkannte afghanische Regierung außer Acht ließ.9 Ein anderes Beispiel war die Zurück­haltung der US-Regierung, Sanktionen gegen die put­schen­den sudanesischen Generäle zu verhängen, nach­dem diese im Oktober 2021 den auch von Deutschland mit großem politischem Aufwand10 unterstützten Übergangsprozess beendet hatten. Der anschließende Machtkampf eskalierte im April 2023 zu offenem Krieg, der vielleicht mit entschiedenerem Druck hätte verhindert werden können.11

Der Politikansatz, Beiträge zu von Dritten geführten politischen Prozessen zu leisten, läuft mittler­weile ins Leere. Er stößt auf eine tiefe Krise des Multi­lateralismus und die dramatische Kürzung internatio­naler Mittel.12 Der UN-Sicherheitsrat ist aufgrund der geopolitischen Spannungen nur begrenzt handlungsfähig. UN und Afrikanischer Union (AU) fehlt es an Ernsthaftigkeit und Unparteilichkeit im Umgang mit dem Krieg in Sudan.13 Neuere Vermittlungsakteure wie die Türkei oder Saudi-Arabien handeln transaktio­nale Abkommen wie die Ankara-Erklärung zwischen Äthiopien und Somalia aus, die außerhalb multilateraler Institutionen zustande kommen.

Vermittlung als geopolitisches PR-Spektakel und Großmachtdiplomatie

Besonders eklatant tritt der Widerspruch zwischen den Grundannahmen Deutschlands bei den Vermittlungsanstrengungen der amtierenden US-Regierung zutage. Der Zugang der Trump-Administration zur Beilegung bewaffneter Konflikte folgt einem staats­zentrierten, eigennützigen und oft neoimperialis­tischen Ansatz, der überdies personalisiert und per­formativ ist. Dies trägt der Komplexität von Konflikten nicht Rechnung und widerspricht den etablierten Erfolgskriterien von Friedensvermittlung. Zu ihnen gehören unter anderem Geduld, Expertise, Unparteilichkeit, der Verzicht auf das Scheinwerferlicht, inter­nationale Koordination, die Beteiligung aller relevan­ten Gruppen, die in einen Konflikt involviert sind, sowie eine führende Rolle lokaler Akteure.14

Die USA konzentrieren sich auf zwischenstaatliche Konflikte oder zumindest die zwischenstaatlichen Aspekte bewaffneter Konflikte. Das Abkommen zwi­schen der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda vom Juni 2025 beispielsweise ließ die wich­tigste, von Ruanda unterstützte bewaffnete Gruppe Ostkongos, M23, ebenso außen vor wie die zentralen Nachbarstaaten Uganda und Burundi.15 Zu Sudan erreichten die USA im September 2025 zuerst eine Vereinbarung mit den bedeutendsten externen Unter­stützerstaaten der Konfliktparteien – Ägypten, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Erst danach leiteten sie indirekte Gespräche mit der sudanesischen Armee und den Rapid Support Forces (RSF) ein.16

Nur eine untergeordnete Rolle spielt die Mitwirkung der vom Konflikt betroffenen Bevölkerung. Trump gibt immer wieder dem Impuls nach, mit Moskau direkt und ohne Beteiligung Kyjiws über die Ukraine zu sprechen, und drängt die Ukraine zu Gebietsabtretungen.17 In Gaza kam ein Waffenstillstand im Oktober 2025 erst zustande, nachdem Trump von seiner uneingeschränkten Unterstützung für Israel einschließlich der möglichen Vertreibung von Palästinenser:innen abgerückt war.18 Die Schwächung etablierter Normen und Institutionen ist kein Neben­schauplatz, sondern dient dem strategischen Interesse der aktuellen US-Regierung, als Großmacht eine Welt­ordnung zu schaffen, die eigenem Gutdünken, nicht aber den Regeln des Völkerrechts folgt.19

Die Umsetzung der »Deals« hängt von der persönlichen Kapazität weniger Personen ab.

Maßgebliche Akteure bei vielen dieser Vermittlungsbemühungen, auch das eine Besonderheit des derzeitigen US-Ansatzes, sind nicht professionelle Diplomaten, sondern Sondergesandte, die ein enges persönliches Verhältnis zu Präsident Trump pflegen. Das verschafft ihnen einen Einfluss, über den Karrie­rediplomat:innen nicht verfügen. Massad Boulos, Trumps Afrika-Gesandter, ist der Schwiegervater seiner Tochter Tiffany. Steve Witkoff, der für Trump Gespräche im Nahen Osten und mit Putin führt, ist ein Immobilienunternehmer und Golf-Freund des US-Präsidenten.

Gleichzeitig verloren viele Angestellte des State Departments ihren Arbeitsplatz, für Konfliktbearbei­tung zuständige Abteilungen wurden aufgelöst, Füh­rungspositionen nicht nachbesetzt.20 Die US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit (United States Agency for International Development, USAID) wurde abgeschafft, viele Projekte im Bereich Friedensförde­rung wurden gestrichen, unter anderem in der suda­nesischen Diaspora.21 Sondergesandte wie Witkoff und Boulos greifen in der Regel kaum auf den Appa­rat des State Departments und dessen Expert:innen zurück.22 Die Aussetzung der US-Beiträge gefährdet die Zahlungs- und Handlungsfähigkeit der UN.23 Ohne institutionelle Absicherung hängt es von der persönlichen Aufmerksamkeit und Kapazität weniger Personen ab, ob und wie gut die Umsetzung von Deals überwacht wird. Die Beauftragten setzen dar­auf, dass ihre Verhandlungsmethoden aus der Geschäftswelt auch in Verhandlungen mit Russland, Iran oder zum Krieg in Sudan helfen. Dabei stellen sie erst mit der Zeit fest, dass sie die ideologische Dis­position und machtpolitische Entschlossenheit ihrer Gesprächspartner unterschätzen, an bewaffneter Ge­walt festzuhalten.24

Wirtschaftliche Nebenabsprachen unterstreichen, dass es den USA um partikuläre Eigeninteressen und nicht um Konflikttransformation geht. Sowohl mit der Ukraine als auch mit der Demokratischen Repu­blik Kongo schlossen sie Rohstoffabkommen. Jared Kushner, Trumps Schwiegersohn, setzte sich für die Abraham-Abkommen zur Normalisierung diploma­tischer Beziehungen einiger arabischer Staaten mit Israel ein und profitierte von hohen Investitionen aus der Region in sein Unternehmen.25 Die Kombination aus Großmachtdiplomatie, Gebietsverschiebungen ohne Beteiligung der Betroffenen und eigenen wirt­schaftlichen Interessen der Vermittler erinnert an den Imperialismus europäischer Mächte im 19. und 20. Jahr­hundert.

Für Trump selbst scheint das Prestige einer von ihm persönlich öffentlich verkündeten Einigung im Vordergrund zu stehen. Nicht zufällig spricht er selbst immer wieder davon, dass er den Friedens­nobelpreis verdiene. Im ägyptischen Scharm El-Scheich versammelte Trump im Oktober 2025 mehr als 20 Staats- und Regierungschefs, um das Ende des Kriegs in Gaza zu feiern, während Vertreter der Kon­fliktparteien fehlten. Man könnte denken, dass Trump auch seine Glaubwürdigkeit mit dem Erfolg eines solchen Friedensprozesses verbindet. Konsistenz scheint aber keine große Rolle für ihn zu spielen.

Schlussfolgerungen

Deutschland sieht sich vor der Aufgabe, die eigentlich reformbedürftige Architektur und Praxis internationaler Konfliktbearbeitung gegen die Angriffe und Kürzungen der Trump-Administration zu verteidigen. Denn das bisherige System eines »liberalen Friedens« befindet sich in einer tiefen Krise.26

Vier notwendige Weichenstellungen lassen sich iden­tifizieren. Erstens sollte die Bundesregierung für sich und in Abstimmung mit zentralen Partnern wie der EU ausdrücklich Mindestkriterien definieren, die US-geführte Vermittlungsprozesse erfüllen müssten, um explizite (finanzielle und politische) Unterstützung zu erhalten. Das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine und das der Palästinenser:innen sind solche Bedingungen. Jeder Prozess sollte überdies danach beurteilt werden, inwiefern er tatsächlich bewaffnete Gewalt reduziert und humanitäre Lebensbedingungen der Zivilbevölkerung verbessert.

Zweitens sollte die Bundesregierung dort, wo sie selbst Einfluss hat, diplomatische Impulse geben, die Alternativen zu (möglichen) US-Initiativen bieten. Ein Beispiel dafür wäre Deutschlands Unterstützung für den Übergangsprozess in Syrien, auch in Kooperation mit der Türkei und den Golfstaaten.27

Drittens sollte Deutschland (weiterhin) gerade die Art des inklusiven, multilateral koordinierten und lokal geführten Friedensengagements (wie etwa am Tschadseebecken) unterstützen, an welcher es der Trump-Administration fehlt. Dies erfordert jedoch, dass die Bundesregierung den selbst eingeleiteten Kürzungsprozess im Bereich internationale Zusammenarbeit umkehrt sowie politisch und finanziell wie­der mehr in zivile Konfliktbearbeitung investiert.28

Viertens schließlich sollte Deutschland diejenigen Hebel, über die es in Konfliktkontexten verfügt, stär­ker für die Aufrechterhaltung prinzipienorientierter Friedensförderung nutzen. Deutschland sollte Wie­der­aufbauhilfe davon abhängig machen, dass bei den Konfliktparteien grundlegende Weichenstellungen stattfinden, beispielsweise dass kein Gewaltakteur Teil einer zukünftigen Regierung in Sudan sein darf.

Während viele internationale Akteure wie die USA zunehmend auf wirtschaftliche oder geopolitische An­reize setzen, um Kriege zu beenden, wäre Deutsch­land gut beraten, die zentrale Rolle interner und inter­nationaler Legitimität hervorzuheben. Nur mit dieser wird nachhaltiger Frieden möglich.

The fall of El Fasher and mass atrocities in Darfur

On 26 October 2025, the Rapid Support Forces captured the division of the 6th infantry division of the Sudanese Armed Forces, fully consolidating their control of El Fasher in the following days. Subsequently, reports of mass atrocities by the RSF against Zaghawa and other non-Arab people trapped inside El Fasher emerged.

I spoke to several media outlets about the fall-out and implications of these events.

Interview with DLF Kultur Studio 9, 28.10.2025

Interview with ZDF Heute Update, 28.10.2025

Interview with Phoenix Der Tag, 28.10.2025

Interview with ZDF Heute Journal, 29.10.2025

Interview with SR Kultur Bilanz am Abend, 29.10.2025 (from 3:40)

Interview with Deutsche Welle, 31.10.2025 (from 16:10) (in English)

Quotes in ZEIT Online, 05.11.2025

Interview with Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 08.11.2025

Quotes in Deutschlandfunk Kultur, 12.11.2025

Civilian perspectives on peace and humanitarian action in Sudan

I faciliated the kick-off panel at the conference “civilian perspectives on peace and humanitarian action in Sudan” that took place on 18 September 2025 in Berlin. The conference was organized by a coalition of 20 German civil society organizations.

Der Krieg im Nahen Osten und seine Folgen für Ostafrika

Online-Veranstaltung der Friedrich-Naumann-Stiftung, 27.August 2025

Gäste:

Dr. Gerrit Kurtz ist Wissenschaftler in der Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten der Stiftung Wissenschaft und Politik. Er hat am King’s College London in Friedens- und Konfliktforschung promoviert.

Dr. Hans-Jakob Schindler ist Senior Director des Counter Extremism Project (CEP) in New York und Berlin, Co-Vorsitzender des Advisory Board des Global Diplomatic Forum in London sowie Lehrbeauftragter der ASW Akademie AG in Essen.

Die beispielose humanitäre Katastrophe im Sudan

Zitate in Die Welt, 17.08.2025

Hoffnung auf eine baldige Beilegung des Sudan-Konflikts gebe es derzeit wenig, sagt Gerrit Kurtz von der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ (SWP) WELT. Die USA bemühten sich zwar durchaus, doch die Trump-Regierung finde im Sudan keinen Ansatz für ihre „sehr transaktionale, ressourcenorientierte“ Diplomatie unter Präsident Donald Trump.

So wurde ein für Ende Juli in Washington geplantes Treffen der Außenminister der USA, Saudi-Arabien, den VAE und Ägypten im letzten Moment auf unbestimmte Zeit verschoben. Die RSF-Verbündeten aus den VAE und Ägypten, das traditionell auf der Seite von Sudans Armee steht, hatten sich nicht auf eine Abschlusserklärung einigen können. Es ging um eine Formulierung, die sowohl Sudans Streitkräfte als auch die RSF davon ausschließen sollte, eine führende Rolle in einer zukünftigen Regierungsstruktur zu übernehmen.

Sudan-Experte Kurtz hält es für höchste Zeit, dass der internationale Druck auf die Emirate erhöht wird, ihre Unterstützung für die Miliz einzustellen. Öffentliche Kritik bleibe weitgehend aus – auch von deutscher Seite. Als Beispiel für diese Zurückhaltung nennt Kurtz die Sudan-Konferenz in London vor einigen Monaten.

Aus Rücksicht auf den Golf-Staat hätten die Organisatoren – darunter Deutschland, Frankreich und Großbritannien – die RSF nicht einmal namentlich erwähnt, obwohl diese kurz zuvor im Zamzam-Flüchtlingslager über 1.000 Menschen getötet und rund 400.000 vertrieben habe. „Das haben viele Beobachter als ziemlichen Rückschlag empfunden“, sagt Kurtz, „und das völlig zu Recht.

Gespräch über Hintergründe zum Konfliktgeschehen in Sudan

Erschienen in UNEINS Magazin 3/2025, Juli 2025

Sudans Geschichte ist von zahlreichen Kriegen und gewaltsamen Konflikten geprägt. Können Sie uns einen Überblick zur Kolonialgeschichte des Sudan geben?

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Sudan noch kein einheitlicher Staat. Das Gebiet war in unterschiedliche Sultanate und andere Herrschaftsformen unterteilt. Ab 1820 eroberten Kräfte aus Ägypten weite Teile des heutigen Staatsgebiets. Ägypten unterstand zu der Zeit der osmanischen Oberhoheit – der albanische Herrscher Muhammad Ali hatte es vorrangig auf Gold und Sklav:innen abgesehen, um seinen regionalen Einfluss zu vergrößern. Bereits unter dem turko-ägyptischen Einfluss galten dunkelhäutige Menschen aus dem Westen oder Süden als Sklav:innen, auch wenn sie Muslime wurden.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich zunächst eine einheimische Widerstandsbewegung um den Mahdi durch, eine religiöse und politische Erweckungsfigur, die einen erfolgreichen Aufstand gegen die koloniale Besatzung anführte (1883-98). Dabei gerierte sich die Mahdi-Herrschaft als Verteidiger marginalisierter Gruppen – die Armee bestand überwiegend aus Menschen aus Darfur und dem Süden. 1898 besiegten britische Truppen die Mahdi-Herrschaft und dehnten damit ihre Dominanz des Nilbeckens von Ägypten bis nach Sudan aus. Den Süden des Landes erklärten die Kolonialherren ab den 1920ern zum „geschlossenen“ Gebiet, wodurch der Aufbau von Infrastruktur und Zugang für Nicht-Einheimische beschränkt wurde. Das Sultanat von Darfur wurde erst 1916 Teil Sudans.

Die britisch-ägyptische Kolonialherrschaft beutete Rohstoffe, Arbeitskraft und Land in fruchtbaren Gebieten des Sudan im Zentrum aus. Gleichzeitig hatte Großbritannien das strategische Ziel, den eigenen Einflussbereich am Nil zu erweitern. Der Nil war zur Kontrolle von Ägypten entscheidend und Ägypten wiederum für den Suez-Kanal und die Route nach Indien. 

1956 wurde der Sudan unabhängig. Mit welchen Herausforderungen war das Land in Folge konfrontiert? 

Die Geschichte des Sudan seit der Unabhängigkeit ist geprägt von Bürgerkriegen und Militärherrschaften, aber auch von zivilen Aufständen dagegen. 

Seit 1956 wurde der Sudan die meiste Zeit von Militärs, die durch Putsche an die Macht kamen, regiert. Im selben Zeitraum gab es aber auch drei zivile Aufstände, die zum Sturz der jeweiligen Militärregierungen führten. Die Oktoberrevolution von 1964, die die Militärherrschaft von Ibrahim Abboud beendete, und der Aufstand 1985, der zum Sturz von Jafa’ar Nimeiri führte, sind bis heute wichtige Bezugspunkte, auf die sich z.B. auch die Revolutionsbewegung 2018/2019 berief. 

Zwei von insgesamt drei großen Bürgerkriegen im Sudan fanden zwischen Rebellenbewegungen im Süden – dem heutigen Südsudan – und Regierungen im Norden des Sudan statt. Der erste Bürgerkrieg von 1955 bis 1972 endete mit Zugeständnissen zugunsten der Autonomie des Südsudans. Im zweiten Bürgerkrieg von 1983-2005 waren die Kämpfe zwischen der Rebellenbewegung Sudan People’s Liberation Movement (SPLM) sowie einer abtrünnigen Fraktion, die von der Regierung in Khartum unterstützt wurde, über weite Teile verlustreicher als Auseinandersetzungen zwischen SPLM und Regierungsarmee. 

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts brach ein weiterer Bürgerkrieg aus. Welche Ursachen gab es für den Darfur-Konflikt?

Die Geschichte und Politik Sudans ist geprägt von der Ausbeutung von Ressourcen und Arbeitskräften der Peripherie durch die wechselnden politischen Akteure im Land. Dies führte zu Gegenbewegungen in verschiedenen Teilen des Landes, besonders im Westen in der Region Darfur. Anfang der 2000er bildeten sich dort Rebellenbewegungen, gegen die die Regierung einen Krieg führte. Dieser wirkte sich stark zu Lasten der Zivilbevölkerung aus. 

Für den Darfur-Konflikt sind Auswirkungen der Klimaveränderung von großer Bedeutung. Sie betreffen die Region besonders stark; die erratischen Regenfälle und die Ausweitung der Wüste nach Süden führten zu einer Veränderung der saisonalen Migrationsbewegung. Das veränderte das Verhältnis zwischen nomadischer und sesshafter Bevölkerung, die oft unterschiedlichen Volksgruppen angehören, die „arabisch“ bzw. „afrikanisch“ gelesen werden. Dieses Konfliktpotential wurde von verschiedenen Seiten weiter politisiert und instrumentalisiert. 

Die Rebellen kamen aus nicht-arabischen Bevölkerungsgruppen aus Darfur, insbesondere den Zaghawa, Fur und Masalit. Gegen diese setzte die damalige Regierung unter Omar al-Bashir bereits bestehende Milizen ein, die sich aus arabischen Volksgruppen rekrutierten. Diese Milizen wurden bewaffnet, ausgebildet und arbeiteten mit dem formalen Militär zusammen. Sie wurden lokal Janjaweed (“Teufelsreiter”) genannt. Aus einer Gruppe der Janjaweed entstand 2013 die paramilitärische Miliz Rapid Support Forces (RSF), die im aktuellen Konflikt eine große Rolle spielt. Die Janjaweed gingen oft brandschatzend, plündernd und mordend gegen die nicht-arabische Zivilbevölkerung vor. Millionen von ihnen wurden vertrieben und blieben teilweise auch 20 Jahre nach Beginn des Kriegs noch in Vertriebenenlagern.

Die RSF besiegten die meisten bewaffneten Rebellengruppen schließlich, deren Reste sich nach Libyen zurückzogen. 2020 handelten Vertreter dieser besiegten Gruppen mit RSF und der Armee ein Friedensabkommen aus, das ihnen den Zugang zur Macht brachte und den Konflikt beendete – letzteres allerdings nur auf dem Papier.

2011 wurde der Südsudan unabhängig. Was bedeutete das für den Rest Sudans?

Die Unabhängigkeit Südsudans war in dem Umfassenden Friedensabkommen von 2005 als Möglichkeit vorgesehen. 2011 entschied sich die Bevölkerung des Südsudans in einem Referendum für die Unabhängigkeit. Dadurch verlor der Rest Sudans seine wichtigste Einkommensquelle: Ein Großteil der Staatseinnahmen und des Brutto-Inlandsprodukts kam aus der Ölindustrie. Die meisten Ölquellen befinden sich jedoch im Südsudan. Auch erhebliche Transferzahlungen für den Transport des Öls über Pipelines in Sudan zum Roten Meer konnten den Verlust dieser Einnahmequelle nicht ausgleichen. Das wurde zum Problem für das Regime von Omar al-Bashir. Das Regime praktizierte ein Patronage-Modell, durch das Treibstoff, Mehl und Medikamente für Eliten und die städtische Bevölkerung stark subventioniert wurde. Im Herbst 2018 wurden diese Subventionen zurückgefahren, was zu Protesten führte, die sich zuerst gegen den daraus folgenden Anstieg von Brotpreisen richteten.

Zur Revolution 2018/2019 und der Rolle der Jugendbewegungen darin gibt es bereits einen Beitrag im vorliegenden UNEINS Impulse. Können Sie uns erläutern, was nach dem Sturz von al-Bashir geschah?

Nach monatelangen Massenprotesten kam es schließlich zum Sturz von Bashir im April 2019. Das Militär und der Geheimdienst, die Bashir in einer Palast-Revolte entfernt hatten, glaubten, durch die Entfernung dieser Führungsfigur das System bewahren zu können. Das durchschauten die Protestierenden allerdings sofort. Sie verweigerten den Abbau des großen Protestcamps vor dem Militärhauptquartier im Zentrum von Khartum und forderten: “Wir wollen eine Madaniya, eine zivile Herrschaft”. Das Protestcamp bestand mehrere Monate lang. Im Morgengrauen des 3. Juni 2019 überfielen und zerstörten Sicherheitskräfte das Protestlager, töteten über 120 Menschen, vergewaltigten und verfolgten einzelne Protestierende. Doch trotz Internetsperren schaffte es die sudanesische Zivilgesellschaft Ende Juni, eine nie dagewesene Mobilisierung auf die Beine zu stellen – nicht nur in Khartum, sondern im ganzen Land. Gleichzeitig gab es Verhandlungen auch mit Unterstützung der Afrikanischen Union und Äthiopiens zwischen politischen Parteien, Gewerkschaften, Berufsverbänden und dem Militär, die schließlich im Sommer 2019 zur Einigung auf eine zivil-militärische Übergangsregierung führten. 

Wie kam es zum Kriegsausbruch 2023?

Der Übergangsregierung kam zunächst große Unterstützung und Euphorie in Sudan und in der Welt zuteil. Zu diesem Zeitpunkt war der Staat jedoch bereits ausgelaugt. Die Ministerien waren zuvor von Personen besetzt, die oft unqualifiziert waren, weil sie nur aufgrund ihrer Loyalität zum Regime diese Posten erhalten hatten. Sie wurden breitflächig entfernt, der Staat hatte im Anschluss jedoch sehr wenige Kapazitäten, um Reformen umzusetzen. In der Folge gab es Unruhen, gleichzeitig versuchten auch Kräfte des gestürzten Bashir-Regimes – er selbst war im Gefängnis – zurückzukommen. Diese Regierung hielt sich für rund zwei Jahre, bis es zu einem Putsch kam. Die paramilitärische RSF und die Armee putschten zusammen, bzw. sie entfernten die zivilen Anteile der Regierung, da sie selbst schon in der Regierung vertreten waren. Ihr Ziel war es, eine Technokraten-Regierung ohne zivile Parteien durchzusetzen. Das wollte die Zivilbevölkerung aber nicht zulassen. Es kam erneut zu langanhaltenden Protesten.

Konsultationen in diesem Zeitraum wurden von der zivilen Mission der Vereinten Nationen UNITAMS zusammen mit weiteren Akteuren geführt. Zum Sommer 2022 zeigte sich das Militär offen für Gespräche mit den zivilen Politikern der vorherigen Regierung, die fortan überwiegend unter sich im kleinen Kreis verhandelten, um die Putschsituation zu beenden. Sie einigten sich im Dezember 2022 auf ein sogenanntes Rahmenabkommen, mit dem der Grundstein für eine ausschließlich zivile Regierung gelegt werden sollte. Zuvor sollte es zur Beilegung von Streitfragen kommen, zu der auch das Thema der Sicherheitssektorreform gehörte: Wie sollte der Sicherheitssektor konkret organisiert werden? In welchem Zeitraum sollte die RSF in die Armee integriert werden? Wem sollte die RSF in der Zwischenzeit unterstehen? Am Ende gab es keine Einigkeit. Das war der Auslöser für die Schüsse und den Ausbruch des Kriegs zwischen den RSF und der sudanesischen Armee am 15. April 2023. Gleichzeitig war es eine Gelegenheit für Kräfte des früheren Regimes von Bashir, ihre Machtbasis auf Seiten der Armee und zulasten jedweder demokratisch gesinnter Kräfte zu vergrößern.

Im Unterschied zu vorherigen Bürgerkriegen Sudans begann dieser Krieg also im Zentrum des Landes und der Macht zwischen zwei konkurrierenden militärischen Einheiten. Auch wenn viele in der Zivilbevölkerung grundsätzlich beide militärischen Lager ablehnen, reicht der Krieg mittlerweile immer stärker in die ethnisch-sozialen Differenzen der Gesellschaft hinein. Hassrede und ethnisch basierte Mobilisierung spielen auf allen Seiten eine zunehmende Rolle.

Welche Rolle spielen internationale Akteure im aktuellen Konflikt?

Die internationale Einmischung ist massiv. Ausländische Regierungen unterstützen die Kriegsparteien und verlängern dadurch den Krieg. Auf der einen Seite unterstützen vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) die RSF, auch wenn sie das immer wieder leugnen. Diese Unterstützung geht über viele Nachbarstaaten des Sudans weiter, wo sich die VAE Einfluss erkauft haben, insbesondere über Tschad, Südsudan, aber auch über Uganda und Kenia sowie über Teile Somalias. Auf der anderen Seite steht die Armee, die die Regierung kontrolliert und auch von den Vereinten Nationen (VN) anerkannt wird. Sie sitzt mittlerweile in Port Sudan, da Khartum zwischenzeitlich stark umkämpft war. Die Armee wird militärisch von Ägypten unterstützt, dem traditionell wichtigsten Verbündeten. Zusätzliche Waffen und andere militärische Unterstützung kommen aus Iran, der Türkei, und von Russland.