Eskalation in Südsudan. Hier herrscht ein Krieg mit System

Der Machtkampf im Südsudan spitzt sich zu, treibt das Land knapp anderthalb Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit in einen vielschichtigen Bürgerkrieg – und reiht sich ein in das immer komplexere Konfliktfeld am Horn von Afrika.

Erschienen in Zenith Online, 03.02.2026

Südsudan erlebt ein scheinbares Paradox. Einerseits kündigen hochrangige Vertreter von Armee und Opposition Offensiven an und die Kontrolle über Gebiete wechselt. Andererseits bekräftigen sowohl Regierungs- als auch Oppositionsvertreter, dass sie am Friedensabkommen von 2018 festhalten wollen. Südsudans Bürgerkrieg zeigt, wie ein international verhandeltes Abkommen von verschiedenen Konfliktparteien instrumentalisiert wird. Denn Gewalt, oft zulasten der Zivilbevölkerung, ist dem politischen System tief eingeschrieben. Der Krieg in Sudan trägt zur Eskalation bei.

Das »Revitalisierte Abkommen zur Beendigung des Kriegs in der Republik Südsudan« (R-ARCSS) wurde im September 2018 zwischen der Regierung unter der Führung von Präsident Salva Kiir Mayardit und einer Reihe von Oppositionsgruppen geschlossen. Deren wichtigste ist die Sudan People’s Liberation Movement-in Opposition (SPLM-IO), geführt von Riek Machar Teny. Machar wurde 2020 Erster Vizepräsident als Teil einer Übergangsregierung der nationalen Einheit.

Die Umsetzung von R-ARCSS verlief äußerst schleppend. Nach sechs Jahren war gerade einmal jeder sechste Punkt umgesetzt. Die Übergangszeit wurde mehrfach verlängert – und damit auch die Aussicht auf die ersten Wahlen seit der Unabhängigkeit Südsudans im Juli 2011. Derzeit sind sie für Dezember 2026 angesetzt. Einen Wendepunkt markierte der März vergangenen Jahres. Sicherheitskräfte setzten Machar unter Hausarrest und Kiir schasste seinen Vize. Im September folgte eine Anklage wegen Hochverrats und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In dem laufenden Prozess wird Machar vorgeworfen, eine Offensive gegen die Regierungsarmee in Nasir organisiert zu haben.

Die SPLM-IO sah die Verhaftung und Entmachtung Machars als Verletzung des Friedensabkommens, das ihn persönlich als Amtsinhaber nennt. Im September 2025 rief Machars Stellvertreter Oyet Nathaniel Pierino zum Kampf für einen »Regimewandel« in Juba auf, nachdem Präsident Kiir immer mehr SPLM-IO-Mitglieder einseitig ihrer Regierungsposten enthoben hatte.

Bewaffnete Auseinandersetzungen laufen mittlerweile in mindestens sechs von Südsudans zehn Bundesstaaten. Beteiligt sind unterschiedliche Konfliktparteien, die längst nicht alle der SPLM-IO angehören. Besondere Aufmerksamkeit erregte eine Offensive der SPLM-IO in Jonglei. Deren Truppen gelang es seit Ende Dezember, mehrere Orte in dem Bundesstaat in der Region Obernil zu erobern. Mehr als 230.000 Menschen flohen aus den betroffenen Gebieten. Im Gegenzug riefen die Streitkräfte des Südsudan (SSPDF) sämtliche Zivilisten, humanitären Organisationen und UN-Mitarbeitenden dazu auf, drei Landkreise in Jonglei umgehend zu verlassen, nämlich Nyirol, Uror und Akobo. Der hochrangige SSPDF-General General Johnson Olony, zugleich Kommandeur der Agwelek-Miliz der Schilluk-Volksgruppe, rief seine Truppen vor der Gegenoffensive dazu auf, niemanden zu verschonen.

Mehrere Runden von Rebellion und Eingliederung später sind beide Seiten erheblich geschwächt, auch im Vergleich zum letzten Bürgerkrieg

Nach internationalen Protesten der Afrikanischen Union, der Vereinten Nationen und weiterer Partner ruderte ein Regierungssprecher zurück, behauptete Olony habe sich versprochen und bezeichnete das Regierungsvorgehen als »Verteidigungsmaßnahme«. »Wir sind nicht im Krieg«, sagte Informationsminister Ateny Wek Ateny und versprach, die SSPDF werde »Zivilisten schützen«. Ein Sprecher der SPLM-IO verwies in ähnlicher Art und Weise darauf, dass die SPLM-IO sich lediglich gegen die Aggression der Regierung verteidige und dass diese Maßnahmen auf dem »Völkerrecht und der Schutzverantwortung gegenüber der Bevölkerung« basierten.

Die Episode wirft ein Licht auf den systemischen Charakter von organisierter Gewalt in Südsudan. Die Regierung hat bereits in den vergangenen Jahren militärische Kampagnen in einzelnen Teilen des Landes durchgeführt. Dazu hat sie entgegen den Vorschriften des Friedensabkommens ethnisch basierte Milizen unterstützt. Die Evakuierungsorder verwischt die Trennung zwischen Zivilisten und Kombattanten, die im humanitären Völkerrecht vorgesehen ist. Immer mehr Gemeinschaften erleben den Staat als Gefahr – und mobilisieren eigene Milizen, um sich zu schützen.

Auf ethnische Zusammengehörigkeit zu setzen, hat es Regierungen seit dem 19. Jahrhundert ermöglicht, die Bevölkerung zu spalten und politisch zu schwächen. Umgekehrt war auch die Rebellion der SPLM gegen den sudanesischen Staat von erheblicher Fragmentierung und Elitenkonkurrenz geprägt – Kiir und Machar waren bereits in den 1990er-Jahren einflussreiche Figuren. Kiir spielte eine zentrale Rolle unter SPLM-Führer John Garang de Mabior. Machar setzte sich 1991 von der SPLM ab und ließ sich von Khartum unterstützen.

Mehrere Runden von Rebellion und Eingliederung später sind beide Seiten erheblich geschwächt, auch im Vergleich zum letzten Bürgerkrieg (2013–18). Die SPLM-IO ist führungslos, da Machar im Hausarrest über keinerlei Kommunikationsmöglichkeiten verfügt. Sie hat seit dem Abkommen wichtige Kommandeure und Kämpfer verloren, die sich abspalteten und später eigene Deals mit der Regierung schlossen. Lokale Milizen wie die sogenannte White Army verfolgen ihre eigenen Ziele, die nicht notwendigerweise deckungsgleich mit jenen der verbliebenen Führungspersönlichkeiten der SPLM-IO sind. Sie selbst ist eine Koalition aus kleineren Gruppen, die nur nach Notwendigkeit auch gemeinsam agieren.

Kaum eine ausländische Regierung will eine andere unterstützen, die ein Friedensabkommen offen aufgibt

Die Regierung leidet unter einer erheblichen Finanzkrise, seit der Krieg in Sudan die Öleinnahmen stark einbrechen ließ. Den Sold an die Armee zahlt sie nur unregelmäßig aus, toleriert separate, nur oberflächlich integrierte Milizen und heuert ausländische Unterstützung durch ugandische Luftstreitkräfte an. Präsident Kiir ist ein politischer Überlebenskünstler, der selbst regierungsnahe Eliten im Unklaren über seine Unterstützung lässt. Vielmehr betreibt er einen komplexen, schwer zu durchschauenden Balance-Akt, indem er sowohl aufstrebende Politiker als auch deren Gegner unterstützt, um sie jeweils in Schach zu halten. Minister sind teilweise nur wenige Wochen im Amt, bevor sie ausgetauscht werden. Gekoppelt mit der ethnischen Logik der südsudanesischen Politik haben sie so einen Anreiz, in kurzer Zeit möglichst viel für ihre jeweiligen Unterstützerkreise herauszuholen.

Das 2018 unter Vermittlung von Uganda und Sudan sowie mit Unterstützung der Regionalorganisation IGAD geschlossene R-ARCSS erfüllt trotz der Gewalteskalation gewisse Zwecke für Regierung und Opposition. Es verleiht sowohl Kiir als auch Machars SPLM-IO Legitimität. Es eröffnet der Exekutive Patronage-Möglichkeiten bis hinunter auf die Landkreisebene. Eigentlich müsste Kiir dabei die Machtteilungsquoten des Abkommens berücksichtigen, aber mittlerweile setzt er sich darüber hinweg, ohne dass ihn jemand daran hindern kann. Machars Seite kann sich zumindest formal auf diese Quoten beziehen. Eine Neuaushandlung würde ihren Zugang zu Posten (und damit zu Patronage, Lizenzen und Einkünften verschiedener Art) wahrscheinlich eher reduzieren.

Die Regierung kann das R-ARCSS als Absicherung gegen internationalen Druck einsetzen. Schließlich will kaum eine ausländische Regierung eine andere unterstützen, die ein Friedensabkommen offen aufgibt. Organisierte Gewalt gegen viele lokale Rebellionen, die sich nicht zuletzt aus dem Kampf um knappere Ressourcen ergeben, muss daher als Verteidigung des Abkommens verkauft werden. Sowohl Umwelteinflüsse (vor allem regelmäßige Überflutungen), schwindende Öleinnahmen, geringere Hilfsgelder als auch die massive Korruption erzeugen hohen Druck auf die wenigen existenten Einkommensquellen für bewaffnete Akteure. Zu diesen gehören hunderte Checkpoints, an denen jegliche Güter (informell) besteuert werden.

Die Konfliktparteien können dabei auf die Ermüdung und Ablenkung möglicher Vermittler setzen. Das R-ARCSS von 2018 ist eine revitalisierte Form des ursprünglichen Abkommens von 2015, das im Juli 2016 kollabierte. Auch damals versuchte Kiir seinen Vize Machar an den Rand zu drängen. Während seine Armee Machar verfolgte, ernannte Kiir den Verhandlungsführer der SPLM-IO, Taban Deng Gai, zum neuen Vizepräsidenten. Nach Machars Verhaftung im März 2025 trieb Kiir ein ähnliches Spiel. Er erkannte eine Abspaltung von Machars Bewegung als deren legitime Vertretung an und beförderte deren Repräsentanten auf Regierungsposten.

Die RSF kontrollieren wichtige Teile der Pipelines aus den südsudanesischen Ölquellen zum Roten Meer

Die Eskalation in Südsudan steht in engem Zusammenhang mit dem Krieg in Sudan, der den Nachbarn seit April 2023 erschüttert. Die Regierung in Juba hat versucht, die Interessen der Hauptkonfliktparteien, der Sudanesischen Armee (SAF) und den »Rapid Support Forces« (RSF), auszubalancieren. Die RSF kontrollieren wichtige Teile der Pipelines aus den südsudanesischen Ölquellen zum Roten Meer, wohingegen die SAF in Port Sudan das Sagen hat. Die Aufteilung von Ressourceneinnahmen kann die Konfliktparteien zusammenbringen. Das zeigt etwa ein trilaterales Abkommen zwischen SAF, RSF und der südsudanesischen Regierung vom Dezember 2025, nachdem die RSF die sudanesischen Ölfelder in Heglig an der Grenze erobert hatten.

Es ist allerdings möglich, dass sich die regionalen Spaltungen auch stärker im südsudanesischen Bürgerkrieg manifestieren könnten. Kiir unterhält bereits sehr gute Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), welche die RSF in Sudan militärisch unterstützen. Die VAE pflegen ein angespanntes Verhältnis zu Saudi-Arabien, das wiederum gerade eine regionale Allianz unter anderem mit Ägypten, der Türkei, Somalia, Eritrea und Pakistan aufbaut. Die SAF finden sich ebenfalls auf dieser Seite wieder.

Das trilaterale Abkommen und der Einsatz von südsudanesischen Truppen in Heglig lassen allerdings auch ein engeres Verhältnis zwischen Juba und Khartum vermuten. In diesen Kontext passt auch die Annäherung der südsudanesischen an die ägyptische Regierung, den wichtigsten Partner der SAF. Weitere für Südsudan wichtige Länder wie Äthiopien und Uganda betrachten den Krieg durch die Brille ihrer jeweiligen strategischen regionalen Interessen – ein allgemeiner Konsens zeichnet sich jedenfalls nicht ab.

Eine Neuauflage von umfassenden und inklusiven Friedensverhandlungen, wie sie Kenia vorgeschlagen hat, scheint derzeit wenig Aussicht auf Erfolg zu haben, so notwendig sie auch sein mögen. Es sieht vielmehr danach aus, dass bewaffnete Auseinandersetzungen in Südsudan zunehmen werden, während der Rahmen des Friedensabkommens offiziell aufrechterhalten wird. Zivilgesellschaftliche Akteure wie die Kirchen könnten, wie bereits in der Vergangenheit, eine friedensstiftende Rolle spielen. Ein vollständiger Kollaps der südsudanesischen Armee oder des Friedensabkommens steht nicht unmittelbar bevor. Es besteht vielmehr das Risiko, das die organisierte Gewalt in Südsudan weiter zur Normalität wird.

Photo: President Salva Kiir and Riek Machar in September 2019, source: UNMISS

Nachhaltiges Friedensengagement in Zeiten kurzlebiger »Deals«

Beitrag in: Barbara Lippert/Stefan Mair (Hrsg.): Mit, ohne, gegen Washington: Die Neubestimmung der Bezie­hungen Europas zu den USA, SWP-Studie 2026/S 03, 22.01.2026

Ob in Nahost oder der Ukraine, in Sudan oder in Syrien: Die USA spielen in vielen Konflikten eine wichtige, teilweise unverzichtbare Rolle. Präsident Trump inszeniert sich als Friedensvermittler, der eta­blierte Normen, Institutionen und Praktiken bewusst außen vor lässt. Die von der US-Adminis­tration geführ­ten Verhandlungsprozesse und durchgesetzten »Deals« brechen mit den Säulen eines Systems der internationalen Konfliktbearbeitung, Vermittlung und Frie­dens­förderung, in das wenige Länder mehr investiert haben als Deutschland. Hinter den öffent­lich insze­nierten Handschlägen im Beisein Trumps stehen oft neoimperialistische Vorstellungen einer Großmachtdiplomatie zur Aufteilung von Interessensphären und zur Ressourcenausbeutung, ohne die Be­troffenen angemessen zu beteiligen. Konfliktparteien öffentlich unter Druck zu setzen, ein beliebtes Mittel der Trump-Administration, führt oft nur zu oberfläch­lichen, kurz­lebigen Deals für Waffenruhen, ohne die Kon­flikt­ursachen anzugehen, sodass die Feuerpausen bald von erneuter Gewalt unterbrochen werden. Gleichzeitig ist es Ausdruck der Schwäche des tra­dier­ten multilateralen Friedensengagements, in jüngerer Zeit zu wenig eigene belastbare Erfolge her­vorge­bracht zu haben. Deutschland sollte US-geführte Initia­tiven nach ihrem Beitrag zu tatsächlicher Sicher­heit der betroffenen Bevölkerungen bemessen und – mindestens als Ergänzung – wieder stärker in prin­zipien­geleitetes Friedensengagement investieren.

Bröckelnde Grundannahmen

Das deutsche Engagement in der Konfliktbearbeitung und Friedensförderung beruht auf wohlverstandenen außenpolitischen Interessen.1 Deutschlands Interesse an nachhaltigen Friedensordnungen folgt der Einsicht, dass ein derart auf internationale Zu­sammenarbeit, freien Handel und eine offene Gesell­schaft angewiesenes Land sich nicht von den Aus­wirkungen bewaffneter Konflikte abschotten kann.2 Außenminister Johann Wadephul wirbt für dieses Engagement auch außerhalb öffentlich beachteter Brennpunkte: »Ich bin davon überzeugt: Krisen und Konflikte, die wir ignorieren, von denen wir uns ein­bilden, sie beträfen uns nicht, kommen früher oder später zu uns. Deswegen müssen wir uns dort vor Ort engagieren.«3

Bewaffnete Konflikte, Terrorismus und fragile Situa­tionen im Nahen Osten sowie auf Europas Nach­barkontinent Afrika berühren das friedliche Zusammen­leben in einer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft, den Wohlstand und die Sicherheit in Deutschland. In einer zunehmend kompetitiven internatio­nalen Ordnung hat Deutschland außerdem ein über­geordnetes Interesse, sich für die Einhaltung grund­legender Normen des Völkerrechts einzusetzen, die auch deutsche Staatsbürger:innen schützen – wie das zwischenstaatliche Gewaltverbot, territoriale Inte­grität und die Verhinderung von Völkermord.

Seit Mitte der 2010er Jahre hat Deutschland sein »integriertes Friedensengagement« ausgeweitet, zu dem eine ganze Reihe von Maßnahmen wie Friedens­mediation, Rechtsstaatsförderung oder die Stärkung legitimer Staatlichkeit gehört.4 Auf diesem Feld der zivilen Friedensförderung ist Deutschland schon seit 2017 der größte Geber weltweit, mit Schwerpunkten unter anderem im Irak, im Tschadseebecken oder in der Ukraine (jenseits der Militärhilfe). Seit 2023 hat Deutschland seine Mittel in diesem Bereich allerdings um 40 Prozent gekürzt.5

Wichtige Annahmen, die dem deutschen Ansatz zugrunde liegen, waren bereits angesichts der Fehl­schläge in Afghanistan und Mali brüchig geworden.6 Unter der Trump-Administration funktionieren sie teil­weise gar nicht mehr. Deutschland leistet seine Bei­träge zu Konfliktbearbeitung und Friedensförderung regelmäßig in Kontexten, in denen politische Prozesse vorrangig von anderen Mächten wie den USA geprägt werden. In der Regel sah sich Deutschland als unterstützender Akteur, der die Aushandlung zentraler politischer Parameter de facto Konflikt­parteien, lokalen Eliten und einflussreicheren Staaten überließ, oft moderiert von multilateralen Sonder­gesandten.7 Dies lag an den eigenen begrenzten Kapa­zitäten, mangelnden Zugängen zu Eliten oder der Risikoaversion der deutschen Außenpolitik, trug aber auch dazu bei, dass sich Deutschland als guter multi­lateraler Mitgliedstaat der Vereinten Nationen (UN) profilieren konnte, der gemeinsame Fonds und Akti­vitäten besonders emsig unterstützt.

Die USA setzten bereits seit langem auf Elitendeals, die auf den kurzfristigen Erfolg orientiert waren.

Bereits vor der ersten Trump-Administration setz­ten die USA häufig auf begrenzte Elitendeals, die oft eher auf den kurzfristigen, sichtbaren Erfolg hin ori­entiert waren als auf nachhaltige Friedenssicherung.8 Wie kurzsichtig solch ein Ansatz sein konnte, erfuhr die Bundesregierung unter anderem beim Fall Kabuls, nachdem die erste Trump-Administration ein Abkom­men mit den Taliban ausgehandelt hatte, welches die international anerkannte afghanische Regierung außer Acht ließ.9 Ein anderes Beispiel war die Zurück­haltung der US-Regierung, Sanktionen gegen die put­schen­den sudanesischen Generäle zu verhängen, nach­dem diese im Oktober 2021 den auch von Deutschland mit großem politischem Aufwand10 unterstützten Übergangsprozess beendet hatten. Der anschließende Machtkampf eskalierte im April 2023 zu offenem Krieg, der vielleicht mit entschiedenerem Druck hätte verhindert werden können.11

Der Politikansatz, Beiträge zu von Dritten geführten politischen Prozessen zu leisten, läuft mittler­weile ins Leere. Er stößt auf eine tiefe Krise des Multi­lateralismus und die dramatische Kürzung internatio­naler Mittel.12 Der UN-Sicherheitsrat ist aufgrund der geopolitischen Spannungen nur begrenzt handlungsfähig. UN und Afrikanischer Union (AU) fehlt es an Ernsthaftigkeit und Unparteilichkeit im Umgang mit dem Krieg in Sudan.13 Neuere Vermittlungsakteure wie die Türkei oder Saudi-Arabien handeln transaktio­nale Abkommen wie die Ankara-Erklärung zwischen Äthiopien und Somalia aus, die außerhalb multilateraler Institutionen zustande kommen.

Vermittlung als geopolitisches PR-Spektakel und Großmachtdiplomatie

Besonders eklatant tritt der Widerspruch zwischen den Grundannahmen Deutschlands bei den Vermittlungsanstrengungen der amtierenden US-Regierung zutage. Der Zugang der Trump-Administration zur Beilegung bewaffneter Konflikte folgt einem staats­zentrierten, eigennützigen und oft neoimperialis­tischen Ansatz, der überdies personalisiert und per­formativ ist. Dies trägt der Komplexität von Konflikten nicht Rechnung und widerspricht den etablierten Erfolgskriterien von Friedensvermittlung. Zu ihnen gehören unter anderem Geduld, Expertise, Unparteilichkeit, der Verzicht auf das Scheinwerferlicht, inter­nationale Koordination, die Beteiligung aller relevan­ten Gruppen, die in einen Konflikt involviert sind, sowie eine führende Rolle lokaler Akteure.14

Die USA konzentrieren sich auf zwischenstaatliche Konflikte oder zumindest die zwischenstaatlichen Aspekte bewaffneter Konflikte. Das Abkommen zwi­schen der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda vom Juni 2025 beispielsweise ließ die wich­tigste, von Ruanda unterstützte bewaffnete Gruppe Ostkongos, M23, ebenso außen vor wie die zentralen Nachbarstaaten Uganda und Burundi.15 Zu Sudan erreichten die USA im September 2025 zuerst eine Vereinbarung mit den bedeutendsten externen Unter­stützerstaaten der Konfliktparteien – Ägypten, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Erst danach leiteten sie indirekte Gespräche mit der sudanesischen Armee und den Rapid Support Forces (RSF) ein.16

Nur eine untergeordnete Rolle spielt die Mitwirkung der vom Konflikt betroffenen Bevölkerung. Trump gibt immer wieder dem Impuls nach, mit Moskau direkt und ohne Beteiligung Kyjiws über die Ukraine zu sprechen, und drängt die Ukraine zu Gebietsabtretungen.17 In Gaza kam ein Waffenstillstand im Oktober 2025 erst zustande, nachdem Trump von seiner uneingeschränkten Unterstützung für Israel einschließlich der möglichen Vertreibung von Palästinenser:innen abgerückt war.18 Die Schwächung etablierter Normen und Institutionen ist kein Neben­schauplatz, sondern dient dem strategischen Interesse der aktuellen US-Regierung, als Großmacht eine Welt­ordnung zu schaffen, die eigenem Gutdünken, nicht aber den Regeln des Völkerrechts folgt.19

Die Umsetzung der »Deals« hängt von der persönlichen Kapazität weniger Personen ab.

Maßgebliche Akteure bei vielen dieser Vermittlungsbemühungen, auch das eine Besonderheit des derzeitigen US-Ansatzes, sind nicht professionelle Diplomaten, sondern Sondergesandte, die ein enges persönliches Verhältnis zu Präsident Trump pflegen. Das verschafft ihnen einen Einfluss, über den Karrie­rediplomat:innen nicht verfügen. Massad Boulos, Trumps Afrika-Gesandter, ist der Schwiegervater seiner Tochter Tiffany. Steve Witkoff, der für Trump Gespräche im Nahen Osten und mit Putin führt, ist ein Immobilienunternehmer und Golf-Freund des US-Präsidenten.

Gleichzeitig verloren viele Angestellte des State Departments ihren Arbeitsplatz, für Konfliktbearbei­tung zuständige Abteilungen wurden aufgelöst, Füh­rungspositionen nicht nachbesetzt.20 Die US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit (United States Agency for International Development, USAID) wurde abgeschafft, viele Projekte im Bereich Friedensförde­rung wurden gestrichen, unter anderem in der suda­nesischen Diaspora.21 Sondergesandte wie Witkoff und Boulos greifen in der Regel kaum auf den Appa­rat des State Departments und dessen Expert:innen zurück.22 Die Aussetzung der US-Beiträge gefährdet die Zahlungs- und Handlungsfähigkeit der UN.23 Ohne institutionelle Absicherung hängt es von der persönlichen Aufmerksamkeit und Kapazität weniger Personen ab, ob und wie gut die Umsetzung von Deals überwacht wird. Die Beauftragten setzen dar­auf, dass ihre Verhandlungsmethoden aus der Geschäftswelt auch in Verhandlungen mit Russland, Iran oder zum Krieg in Sudan helfen. Dabei stellen sie erst mit der Zeit fest, dass sie die ideologische Dis­position und machtpolitische Entschlossenheit ihrer Gesprächspartner unterschätzen, an bewaffneter Ge­walt festzuhalten.24

Wirtschaftliche Nebenabsprachen unterstreichen, dass es den USA um partikuläre Eigeninteressen und nicht um Konflikttransformation geht. Sowohl mit der Ukraine als auch mit der Demokratischen Repu­blik Kongo schlossen sie Rohstoffabkommen. Jared Kushner, Trumps Schwiegersohn, setzte sich für die Abraham-Abkommen zur Normalisierung diploma­tischer Beziehungen einiger arabischer Staaten mit Israel ein und profitierte von hohen Investitionen aus der Region in sein Unternehmen.25 Die Kombination aus Großmachtdiplomatie, Gebietsverschiebungen ohne Beteiligung der Betroffenen und eigenen wirt­schaftlichen Interessen der Vermittler erinnert an den Imperialismus europäischer Mächte im 19. und 20. Jahr­hundert.

Für Trump selbst scheint das Prestige einer von ihm persönlich öffentlich verkündeten Einigung im Vordergrund zu stehen. Nicht zufällig spricht er selbst immer wieder davon, dass er den Friedens­nobelpreis verdiene. Im ägyptischen Scharm El-Scheich versammelte Trump im Oktober 2025 mehr als 20 Staats- und Regierungschefs, um das Ende des Kriegs in Gaza zu feiern, während Vertreter der Kon­fliktparteien fehlten. Man könnte denken, dass Trump auch seine Glaubwürdigkeit mit dem Erfolg eines solchen Friedensprozesses verbindet. Konsistenz scheint aber keine große Rolle für ihn zu spielen.

Schlussfolgerungen

Deutschland sieht sich vor der Aufgabe, die eigentlich reformbedürftige Architektur und Praxis internationaler Konfliktbearbeitung gegen die Angriffe und Kürzungen der Trump-Administration zu verteidigen. Denn das bisherige System eines »liberalen Friedens« befindet sich in einer tiefen Krise.26

Vier notwendige Weichenstellungen lassen sich iden­tifizieren. Erstens sollte die Bundesregierung für sich und in Abstimmung mit zentralen Partnern wie der EU ausdrücklich Mindestkriterien definieren, die US-geführte Vermittlungsprozesse erfüllen müssten, um explizite (finanzielle und politische) Unterstützung zu erhalten. Das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine und das der Palästinenser:innen sind solche Bedingungen. Jeder Prozess sollte überdies danach beurteilt werden, inwiefern er tatsächlich bewaffnete Gewalt reduziert und humanitäre Lebensbedingungen der Zivilbevölkerung verbessert.

Zweitens sollte die Bundesregierung dort, wo sie selbst Einfluss hat, diplomatische Impulse geben, die Alternativen zu (möglichen) US-Initiativen bieten. Ein Beispiel dafür wäre Deutschlands Unterstützung für den Übergangsprozess in Syrien, auch in Kooperation mit der Türkei und den Golfstaaten.27

Drittens sollte Deutschland (weiterhin) gerade die Art des inklusiven, multilateral koordinierten und lokal geführten Friedensengagements (wie etwa am Tschadseebecken) unterstützen, an welcher es der Trump-Administration fehlt. Dies erfordert jedoch, dass die Bundesregierung den selbst eingeleiteten Kürzungsprozess im Bereich internationale Zusammenarbeit umkehrt sowie politisch und finanziell wie­der mehr in zivile Konfliktbearbeitung investiert.28

Viertens schließlich sollte Deutschland diejenigen Hebel, über die es in Konfliktkontexten verfügt, stär­ker für die Aufrechterhaltung prinzipienorientierter Friedensförderung nutzen. Deutschland sollte Wie­der­aufbauhilfe davon abhängig machen, dass bei den Konfliktparteien grundlegende Weichenstellungen stattfinden, beispielsweise dass kein Gewaltakteur Teil einer zukünftigen Regierung in Sudan sein darf.

Während viele internationale Akteure wie die USA zunehmend auf wirtschaftliche oder geopolitische An­reize setzen, um Kriege zu beenden, wäre Deutsch­land gut beraten, die zentrale Rolle interner und inter­nationaler Legitimität hervorzuheben. Nur mit dieser wird nachhaltiger Frieden möglich.

The fall of El Fasher and mass atrocities in Darfur

On 26 October 2025, the Rapid Support Forces captured the division of the 6th infantry division of the Sudanese Armed Forces, fully consolidating their control of El Fasher in the following days. Subsequently, reports of mass atrocities by the RSF against Zaghawa and other non-Arab people trapped inside El Fasher emerged.

I spoke to several media outlets about the fall-out and implications of these events.

Interview with DLF Kultur Studio 9, 28.10.2025

Interview with ZDF Heute Update, 28.10.2025

Interview with Phoenix Der Tag, 28.10.2025

Interview with ZDF Heute Journal, 29.10.2025

Interview with SR Kultur Bilanz am Abend, 29.10.2025 (from 3:40)

Interview with Deutsche Welle, 31.10.2025 (from 16:10) (in English)

Quotes in ZEIT Online, 05.11.2025

Interview with Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 08.11.2025

Quotes in Deutschlandfunk Kultur, 12.11.2025

Civilian perspectives on peace and humanitarian action in Sudan

I faciliated the kick-off panel at the conference “civilian perspectives on peace and humanitarian action in Sudan” that took place on 18 September 2025 in Berlin. The conference was organized by a coalition of 20 German civil society organizations.

Inauguration of the Grand Ethiopian Renaissance Dam

I spoke about the inauguration of the GERD in Ethiopia in several programmes of ZDF including the evening news.

The discourse surrounding the dam serves the leaders of both Ethiopia and Egypt.
Eygpt is certainly highly dependend on the Nile, but highlighting the threat posed by the GERD serves to externalize the government’s responsibility to ensure water security for its vast population, whereas in most cases, water will continue to flow, indeed the operation of the GERD depends on that. Prolonged drought would present a real risk, but that is not imminent.

For Ethiopian PM Abiy Ahmed, the GERD serves to show the country’s aspiration to become a major power, the government’s investment in essential services, and national unity in times of deep divisions. At the same time, the GERD at the moment produces much more electricity than the Ethiopian economy could normally absorb. Fully one third of all of the country’s electricity production this year is likely to be used by (mainly Chinese) cryptomining companies. Only slightly more than half the population has even access to electricity at the moment, with government plans to expand this reach in the next few years.

The building of the GERD is not just about water security, electricity or economic growth though. It is about regional hegemony, with Ethiopia trying to reclaim its position as a major Nile power, whereas Egypt used to see itself as the main power on the Nile and reserve a veto on upstream development. Ultimately, all riparian countries’ interests would be best served by multilteral cooperation.

Der Krieg im Nahen Osten und seine Folgen für Ostafrika

Online-Veranstaltung der Friedrich-Naumann-Stiftung, 27.August 2025

Gäste:

Dr. Gerrit Kurtz ist Wissenschaftler in der Forschungsgruppe Afrika und Mittlerer Osten der Stiftung Wissenschaft und Politik. Er hat am King’s College London in Friedens- und Konfliktforschung promoviert.

Dr. Hans-Jakob Schindler ist Senior Director des Counter Extremism Project (CEP) in New York und Berlin, Co-Vorsitzender des Advisory Board des Global Diplomatic Forum in London sowie Lehrbeauftragter der ASW Akademie AG in Essen.