“Für eine faire Partnerschaft” – der deutsche Beitrag zur UN-Friedenssicherung

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UNIFIL German peacekeeper on the ship- May 3 2007 UNIFIL photo Jorge Aramburu

(c) UN Photo/Jorge Aramburu

Der Beitrag erschien zuerst auf dem Blog Junge UN-Forschung.

Deutsche Außenpolitik, betonen Entscheidungsträger gern, sei „Friedenspolitik“– so auch Außenminister Westerwelle bei dem Festakt zur 40jährigen Mitgliedschaft Deutschlands in den Vereinten Nationen. In diesem Sinne setzte er sich auch vehement für eine Reform des UN-Sicherheitsrats und einen ständigen deutschen Sitz ein, zuletzt bei seiner jüngsten Rede während der UN Generaldebatte in New York. Der deutsche Beitrag zur UN-Friedenssicherung gilt dabei beständig als wichtige Rechtfertigung für diesen Anspruch.

Demgegenüber wurde Deutschland bei der Podiumsdiskussion zu diesem Thema bei der DGVN-Fachtagung ein eher schlechtes Zeugnis ausgestellt. Die Diskussion konzentrierte sich insbesondere auf das fundamentale Ungleichgewicht zwischen der Bereitstellung von Finanzmitteln und Personal durch Deutschland. Während Deutschland 7,14% zum aktuellen Haushalt für Friedenseinsätze beiträgt (ca. 538 Mio. US-Dollar, Platz 4), trägt es lediglich 0,26% zum Personal bei (251 Polizisten, Militärexperten und Soldaten, Platz 41). Während die aktuelle Arbeitsteilung zwischen Ländern des globalen Südens (Personal) und OECD-Ländern (Finanzmittel) in der Tat problematisch ist, verfehlte die Diskussion jedoch andere wichtige Aspekte von Prävention, Diplomatie und Analyse ausreichend anzusprechen, bei denen Deutschland leichter einen größeren Beitrag zur UN-Friedenssicherung leisten könnte.

Lernerfolg und weiterer Nachholbedarf bei den Vereinten Nationen

Dass manches Problem nicht angesprochen wurde, lag sicher nicht an dem Input-Referat von Thorsten Benner, Direktor des Global Public Policy Institutes in Berlin (wo ich auch arbeite, full disclosure), in dem er die aktuelle Situation und wichtige Herausforderungen in der UN-Friedenssicherung breit und präzise herausarbeitete. Benner strukturierte seinen Vortrag anhand von drei zentralen Thesen.

Erstens habe die UN wichtige Lehren seit dem Brahimi-Bericht vor dreizehn Jahren gezogen. Missionen werden langfristiger angesetzt, das Sekretariat sei besser und professioneller aufgestellt, Einsätze sind „robuster“ und haben häufiger den Schutz von Zivilisten im Fokus. Regionale Kooperationen spielen zunehmend eine größere Rolle, z.B. in Somalia oder Darfur.

Die höheren Anforderungen an Friedensmissionen führten jedoch zweitens zu einem erheblichen Nachholbedarf in einigen Bereichen. Mangelhaft ist die Bereitstellung von Transport- und Logistikkapazitäten, Fähigkeiten zur Aufklärung, auch durch Drohnen und Satellitenbilder. Das Personalwesen bietet häufig keine ausreichenden Karriereanreize für einzelne „Friedenssicherer“. Ein weiteres Problem machte Benner bei den Sondergesandten des Generalsekretärs aus, welche gleichzeitig diplomatisch erfahrene als auch politisch scharfsinnige Persönlichkeiten sein müssen, diesen Anspruch aber nicht immer einlösen könnten. Zuletzt seien der Bereich der Krisenprävention und das bereits angesprochene Ungleichgewicht der Truppensteller  nicht zufriedenstellend.

Letztlich könnten mehr Kapazitäten und bessere Technologien jedoch auch nicht die großen politischen Spannungen bei der Friedenssicherung lösen, so Benners dritte These. Beim Institutionenaufbau sei die internationale Gemeinschaft auf nationale Eliten angewiesen, die Vereinbarungen tatsächlich und glaubwürdig umsetzen können. Wie das Beispiel der DR Kongo zeigt, sind diese jedoch häufig selbst an massiven Menschenrechtsverletzungen beteiligt. Die lokalen Begründungen für Gewaltanwendungen im Bürgerkrieg, die oft im Zusammenhang mit Themen wie Landansprüchen, Ressourcenverteilung oder Mitspracherechten stehen, bilden häufig einen Kontrast zur Makroebene von Gewalt und nationalen Friedensbemühungen zwischen regionalen Regierungen und den von diesen unterstützten Rebellengruppen. Alle am Konflikt beteiligten Parteien müssen in eine mögliche Lösung eingebunden werden. Dazu bedürfe es ausreichender politischer Aufmerksamkeit, um im Zweifel Druck auf die Konfliktparteien auszuüben. Hier müsse die internationale Gemeinschaft aber auch offen mit dem eigenen Versagen in einzelnen Konflikten umgehen und die begangenen Fehler aufarbeiten.

Es lohnt sich, die UN-Friedenssicherung stärker zu unterstützen

Tobias Pietz von der Analyseabteilung des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze (ZIF) ging näher auf die Gründe für die niedrige Zahl von UN-Friedenssoldaten aus OECD-Ländern ein. Noch vor zwanzig Jahren hätten diese etwa zwei Drittel des Personals gestellt, während es jetzt weniger als 8% seien. Diese Entwicklung läge an drei wichtigen Entwicklungen: dem Trauma des Versagens in den Konflikten der 1990er Jahren (Somalia, Ruanda und Bosnien), gerade auch aus Sicht der Weltöffentlichkeit; den teuren und personalintensiven Interventionen im Irak und in Afghanistan sowie dem stärkeren Engagement für Missionen im Rahmen der europäischen Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (dies betrifft vor allem die Polizei).

Warum ist ein stärkerer europäischer oder deutscher Beitrag zu UN-Friedensmissionen dennoch wichtig? Die Aufgabenteilung zwischen Truppenstellern und Finanziers ist zunehmendem Druck ausgeliefert, wie auch Manfred Ertl, Militärberater im Auswärtigen Amt, anerkennen musste. Ertl sah die derzeitige Arbeitsteilung bereits auf einem guten Weg zu einer „fairen Partnerschaft“, da es ja schließlich auch auf die Qualität der bereitgestellten Truppen ankäme. Während seiner Zeit im UN-Sekretariat wäre es nie ein Problem gewesen, ein Infanteriebattalion zu bekommen, allerdings hätte er schon eine Mission wegen eines fehlenden Flugleitoffiziers schließen müssen. Es wurde aber in seinen Ausführungen auch die Doppeldeutigkeit solcher Einschätzungen deutlich. Während viele große Truppenstellerstaaten eben keinem größeren öffentlichen Druck ausgesetzt seien („mit der Pressefreiheit“ sei das ja auch nicht so weit her dort, so Ertl), verlange die „Fürsorgepflicht“ des (deutschen) Staates für seine Soldaten, dass annähernd die gleichen Standards wie im Heimatland gewährleistet würden. Zu Recht verwies Benner hier auf die ebenfalls existierende (zumindest moralische) Pflicht gegenüber den Soldaten aus anderen Truppenstellerstaaten und den Bevölkerungen in den Ländern der Friedensmissionen.

Aus meiner Sicht gibt es  aber noch gewichtigere Gründe für ein erhöhtes deutsches Engagement. Die Legitimität der gesamten UN-Friedenseinsätze kann langfristig erodieren, wenn sich der Eindruck bei den Staaten Südasiens und Sub-Sahara-Afrikas festsetzt, dass sich westliche Regierungen hinter ihren finanziellen Beiträgen verstecken, während die Söhne und Töchter anderer Länder für die von ihnen im Sicherheitsrat gesetzten Ziele bereit sind zu sterben. Umgekehrt kann der politische Wille, eigene Soldaten den Vereinten Nationen bereitzustellen, ein positives Signal auch an andere Staaten senden, diesem Schritt zu folgen. Demgegenüber verweisen deutsche Entscheidungsträger gern darauf, dass sie in ihrem Wahlkreis kaum vermitteln können, warum deutsches Personal im Sudan tätig sein sollte.

Multilateralismus braucht Führungsfähigkeit, auch in Deutschland

Wenn deutsche Außenpolitik sich jedoch wirklich um Multilateralismus und Friedenssicherung sorgen möchte, sollte sie politische Führungsfähigkeit beweisen. Es genügt nicht, nur darauf zu verweisen, welche Anfragen zur Bereitstellung von Truppen für Friedensmissionen vorliegen oder auch nicht. Sogar bei der Frage des Personals könnte Deutschland eine Vorreiterrolle einnehmen. Zu ersterem schlug Benner vor, Deutschland könnte sich bereit erklären, 10% des aus Afghanistan abrückenden Personals fortan für multilaterale Missionen zur Verfügung zu stellen – immerhin gut vierhundert Soldatinnen und Soldaten. Die Bundesregierung könnte bei den europäischen Partnern für ähnliche Schritte werben. Es müsse ja auch nicht gleich die Interventionsbrigade sein, die mit überaus robustem Mandat an vorderster Front im Kongo kämpft, – Stabsoffiziere in Kinshasa können unter Umständen auch schon helfen.

Letztlich geht es jedoch um weitaus mehr als um die fast schon leidige Frage des Personals: Die politischen Rahmenbedingungen müssen stimmen. Wenn die Bundesregierung sich dazu bereit erklärt, UN-Friedensmissionen zu unterstützen, sollte dies ein Gesamtpaket sein – einschließlich erhöhtem zivilen Personal für die Mission, aber auch für die deutsche Vertretung vor Ort. Die Analysefähigkeiten für zivile Krisenprävention und Frühwarnung bei Konflikten seien in deutschen Botschaften in Sub-Sahara-Afrika häufig stark unterentwickelt, wie Benner darlegte. Das Auswärtige Amt erlaube es noch nicht einmal seinen Diplomaten, freiwillig als zivile Kräfte an UN-Friedensmissionen teilzunehmen und dabei wichtige Felderfahrung zu sammeln. Dabei legt die Bundesregierung (gleich welcher Couleur) gern wert auf die zivile Ausrichtung ihrer Außenpolitik und verweist auf Aktionsprogramm, Ressortkreis und Beirat zivile Krisenprävention. Gerade anlässlich eines Jubiläums wie dem der Mitgliedschaft Deutschlands in den Vereinten Nationen ist es Zeit, diese Versprechen mit Glaubwürdigkeit zu füllen.

High Tea in den Wolken

Während häufig geradezu lächerlich schlechtes Wetter meinen Aufenthalt in Darjeeling im Sinne des Wortes vernebelte, konnte ich dennoch mit der höchsten Eisenbahn Indiens fahren, prunkvolle buddhistische Klöster besuchen und vor allen Dingen reichlich herausragenden aufgebrühten Tee aus der unmittelbaren Umgebung genießen.
Darjeeling4Alle, die in den Bergen leben, haben es natürlich verinnerlicht, genauso wie jede_r Kletter_in – das Wetter am Berg ist unberechenbar. Während die Online-Wettervorhersage von Sonnenschein bei angenehmen zwanzig Grad gesprochen hatte, empfing mich nasskalter Nebel bei meiner Ankunft in Darjeeling. Von hier, am Fuße des östlichen Himalaya, sollte man einen wunderbaren Ausblick auf den höchsten Berg Indiens (und dritthöchsten Berg weltweit), den Kanchenjunga, haben. Majestätisch, mit breiten Schultern sollte er sich über dem mit grünen Teeplantagen übersäten Tal erheben. Doch das konnte ich nur aus den zum Verkauf angebotenen Postkarten erschließen. Die Stadt war in der Regel vollkommen in Wolken eingehüllt, so dass die Sicht häufig unter hundert Meter lag. Die Einwohner bestätigten zwar, dass dies sehr ungewöhnlich für diese Jahreszeit sei, aber andere Reisende berichteten auch, dass das Wetter in den letzten drei Wochen nur äußerst selten besser gewesen sei. So war an ausgedehnte Wanderungen nicht zu denken, gleichwohl die Stadt auch so Beschäftigungsmöglichkeiten bot. Entschleunigung war also unweigerlich.

Darjeeling ist die international sicher bekannteste indische Hill Station, welche die Briten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichteten, um der schwülen Hitze Kalkuttas, des damaligen kolonialen Regierungssitzes, zu entkommen. Der Marktplatz und einige alt eingesessene Hotels verraten den früheren Charakter als viktorianischer Erholungsort noch. Mittlerweile ist die Stadt jedoch stark gewachsen und kann den Einwohnern und Touristen nur noch unzureichend mit ihren engen, steilen Straßen sowie akuten Wasserengpässen Herr werden. Die meisten westlichen Touristen sind Bagpacker, die sich auf ihrem Weg zu sich selbst (und durch Indien) meist gerade auf dem Weg in die wirklichen Berge in Sikkim im Norden Darjeelings befinden.

Der auf ca. 2.200 m gelegene Bergort im Norden Westbengalens liegt gleichzeitig in einem strategisch äußerst bedeutsamen Gebiet. Nur wenige Dutzend Kilometer misst der indische Staat an seiner dünnsten Stelle hier, eingezwängt zwischen Nepal und Bangladesch. In diesem schmalen Streifen verläuft die einzige Verbindung des abgelegenen Nordostens mit dem Hauptgebiet Indiens. Die mittlerweile sieben Bundesstaaten (mit Assam als dem größten unter ihnen) sind nach wie vor deutlich schlechter entwickelt als der Durchschnitt des Landes und vielfach von bewaffneten Aufständen durchzogen. Die indische Armee kann hier weitgehend von öffentlicher Kontrolle entledigt agieren, was auch in jüngster Zeit wieder zu starken Protesten geführt hat.

Darjeeling2Im friedlichen Darjeeling ist davon kaum etwas zu spüren. Separationstendenzen lassen sich jedoch auch hier beobachten. Darjeeling ist so etwas wie die Hauptstadt von „Gurkhaland“, dem Land der Gurkhas. Die Gurkhas sind ursprünglich aus Nepal eingewanderte Inder, deren kollektive Identität stark durch die Kolonialherrschaft geprägt wurde, nicht zuletzt als Hilfstruppen der britischen Armee in den Weltkriegen. In den 1980er Jahren bildeten sich Freiheitsbewegungen der Gurkhas heraus, welche, auch mit Gewalt, einen eigenen Bundesstaat für sich forderten. Der damalige indische Premier Rajiv Gandhi konnte jedoch eine weitere Aufsplitterung des indischen Bundesstaates mit der Einrichtung eines Regionalrats für die Gurkhas verhindern. Nachdem die Hauptakteure der Gurkha-Freiheitsbewegung (Gurkha National Liberation Front) sich gut im parlamentarischen System eingerichtet hatten, wurden diese jedoch durch eine neue Bewegung (Gorkha Jana Mukti Morcha) 2007 ersetzt, welche den Forderungen neuen Schwung verlieh. Die allgegenwärtigen Schilder und Plakate für ein eigenständiges Gurkhaland vermitteln ebenfalls diesen Eindruck.

Darjeeling5Wie auch im Westen des Himalaya in Shimla haben die Briten die Hill Station nicht nur durch eine sich in steilen Serpentinen nach oben schlängelnde Straße erschlossen, sondern auch durch eine Schmalspurbahn. Dieser „Toy Train“ ist mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe. Für die etwa 70 Kilometer von der Talstation nach oben braucht er gemütliche sieben bis acht Stunden. Zurzeit ist aber wegen Erdrutschen nur ein kleiner Teil befahrbar. Die indische Eisenbahn bietet speziell für Touristen dreimal täglich einen „Joy Ride“ ins sieben Kilometer entfernte Ghum an, den höchsten Bahnhof Indiens (2438 m). Wenn möglich, wird diese Fahrt sogar noch mit Dampflokomotiven durchgeführt – bei mir musste jedoch eine Diesellokomotive ausreichen.

Darjeeling3In Ghum, wie auch in Darjeeling selbst, liegen herrliche buddhistische Klöster, die sich abseits der engen Gassen auftun. Viele der Gurkhas sind Buddhisten, die den Dalai Lama als geistiges Oberhaupt verehren, wie die Tibeter. Über und über bemalte Tempelräume der Klöster zeigen wilde Dämonenfratzen, welche die zentrale Buddhastatue einrahmen. Während die in rot-gelbe Gewänder gekleideten Mönche auf den Märkten spazieren gehen oder den Klängen ihres iPods lauschen, finden sich in den spärlich beleuchteten Gebetsräumen gern auch meditierende westliche Touristen – auch eine Art kultureller Austausch.

Vor allem ist Darjeeling aber die Königin des Teeanbaus. An jeder Ecke im Zentrum kann man die Erzeugnisse der über 80 einzelnen Anbaugebiete in der Umgebung erwerben. Das Happy Valley Tea Estate hat nicht nur den Vorteil, bequem zu Fuß zu erreichen zu sein, sondern bietet auch kostenlose Führungen durch ihre Teefabrik an. Am produktionsfreien Sonntagvormittag war ich der einzige Gast, der eine persönliche Führung durch die Anlage erhielt, welche ausschließlich für Exportmärkte in Großbritannien und Deutschland produziert. Dabei lernte ich, dass der Produktionsprozess für schwarzen Tee aus drei Grundstufen besteht – der vorsichtigen Trocknung, der Oxidation (durch Pressen, Drehen und der Zufuhr frischer Luft für drei Stunden) sowie dem Rösten. Danach werden die Teeblätter nach Größen sortiert und verpackt.

High TeaEine ganze Reihe von Faktoren ist bedeutsam für den Geschmack des Tees. Dabei sind die Größen (ganz, gebrochen, Krümel oder Staub) und die Jahreszeiten (first flush, second flush, summer und autumn) nur die offensichtlichsten. Mit Qualität haben diese nämlich noch nicht in erster Linie zu tun. Diese wird vielmehr durch die Bewirtschaftungsweise, die Unterart der Teepflanze und Abstufungen im Herstellungsprozess bestimmt. Höhenlage, Sonneneinstrahlung und Beschaffenheit des Bodens beeinflussen ebenfalls den Geschmack. Daher lassen sich auch jeweils bemerkenswerte Unterschiede zwischen einzelnen Teegärten ausmachen. Grundsätzlich, so habe ich beim Probieren und Kaufen erfahren, sind first flush Darjeelingtees sehr leicht und werden daher immer ohne Milch getrunken. Herbsttees haben dahingegen häufig einen reichhaltigeren, auch etwas bitteren Geschmack, weswegen sie gern von britischen Kunden (die ihren Tee mit Milch trinken) gekauft, wie mir ein Händler verriet. So ein exklusiver Tee ist durchaus mit edlen Weinen vergleichbar (auch preislich), und ich vermeinte in dem exklusivsten Tee, den ich probierte, feine Orangennoten auszumachen.

Natürlich muss man solch einen Tee entsprechend genießen. Dafür haben die Briten den High Tea am Nachmittag eingeführt. Dazu gibt es in Darjeeling genau die richtigen viktorianischen Etablissements. In plüschigen Sofas kann man sich in britischer Wohnzimmeratmosphäre niederlassen und den Tee eines bestimmten Teegartens bestellen. Dieser wird sogleich von einem weiß gekleideten Kellner zusammen mit zwei dünnen Scheiben trockenen Fruchtkuchens serviert. Definitiv ein Erlebnis wert!

Ein Land voller Gegensätze

Diese Zeilen schrieb ich während meines ersten Indien-Aufenthalts im Oktober 2012.

Auf dem Flug nach Delhi unterhielt ich mich mit einer Kollegin meines Stipendienprogramms darüber, welche jeweiligen Bilder uns in den Kopf kämen, wenn wir an Indien dächten. Ich sagte, es sei der Tumult, das Wirrwarr, das ich bereits aus Sri Lanka kannte, kombiniert mit einer schroffen Gleichzeitigkeit von erheblichen Wohlstandsunterschieden – sehr arme Bettler direkt neben glitzernden Boutiquen, um es in ein Bild zu packen. Ich hätte es kaum besser treffen können.

Slumbehausung in einem Park

Wir leben hier in einer eher durchschnittlichen Gegend, mit relativ viel Dreck, einfachen Läden, Kühen und Müll auf den Straßen. Im Alltag fahren wir mit dem lokalen Massentransport, zuerst im offenen und häufig übervollen Sammeltaxi, und dann in der unterkühlten, modernen Metro. Das Institut mit der Bibliothek, in der wir praktisch jeden Tag arbeiten, liegt in einer sehr guten Gegend, in der es nicht nur einen Golfplatz und mit Pflanzen gesäumte Straßen gibt, sondern auch viele Büros der Vereinten Nationen oder von anderen Forschungsinstitutionen. Wir haben einen Swimmingpool auf dem Dach, in dem wir mittags für eine kleine Gebühr schwimmen können, während wir danach ein sehr gutes Mittagessen direkt am Pool genießen können (das habe ich aber bisher erst einmal gemacht).

Auf dem Weg zurück zur U-Bahnstation überqueren wir stets eine Kreuzung, auf der junge Mädchen nicht älter als 12 oder 13 rote Blumen verkaufen. Dazu gestikulieren sie eindringlich und zeigen an, dass sie Geld für Essen haben wollen. An anderen U-Bahnstationen zerren kleine Jungen unter zehn Jahren an mir. Während ich vor einiger Zeit in der Haupteinkaufsgegend von Delhi am Wegrand saß und ein Sandwich aß, sahen mich solche Kinder mit ihren Hundeaugen an und wiederholten immer wieder „Chappatti“, den Namen eines Brotes, das sie haben wollten. Oder letztens auf dem Weg zu einem wohl typischen Club von Delhi, zu dem wir immerhin zu vier gequetscht im Rickshaw fuhren, bettelten Jungen an einer großen Straßenkreuzung um zehn Uhr abends. Keinen von diesen Kindern gab ich bisher etwas.

Slumsiedlung im Park

Das Weggehen steht hier in besonders großem Kontrast zu dieser Welt. Es gibt dezidierte „Expat Nights“ von Clubs, in denen weiße Ausländerinnen umsonst Getränke bekommen. Männer kommen zwar umsonst rein, müssen aber entweder ein kleines Bier für ca. 4,50 € oder ein maximal zwei Stunden gültiges Band für unbegrenztes Trinken für knapp 15 € kaufen. Wenn (männliche) Inder nicht gerade Expats mitbringen, müssen sie etwa 30 € Eintritt zahlen. In den guten Clubs in Luxushotels kann der Eintritt für alle Männer sogar bei 45-60 € liegen – ohne Getränke. Natürlich können sich diese Preise nur sehr wenige Inder leisten, auch wenn es immer noch genügend zu geben scheint. Die Clubs mit den „Expat Nights“ rühmen sich ob der weißen Ausländer. Das Schönheitsideal hier in Indien ist auch eher hellere Haut als dunkle zu haben, wie die meisten berühmten Schauspieler und Musiker. Die Expats, die man auf so einer Party trifft, sind nach meinem Eindruck eher solche, die auch zu vergleichbaren Partys in Deutschland gehen würden – wir trafen eine große Gruppe deutscher und österreichischer BWL-Studierenden, die sich darüber wunderten, dass die indischen Studierenden an ihrer Privatuni hier bisher so wenig in Europa gewesen seien und kaum Englisch untereinander sprächen.

Reich und Arm können hier sehr nah beieinander liegen. Auf der Zufahrtstraße in eines der reichsten Viertel von Dehli, Hauz Khaz, saß eine Familie im Müll und sortierte brauchbare Teile aus. Als wir mit dem Rickshaw vorbeifuhren, flog eine Horde Schmeißfliegen auf. Auch hier in der Gegend gibt es gut gesicherte Wohnhäuser, während unten auf der Straße Müllsammler ihren Tagesertrag gegen etwas Geld bei Recyclern eintauschen. Wenn man abends durch Delhi fährt, sieht man vielfach die Fahrer von Fahrradrickshaws auf oder neben ihren Gefährten schlafen. Wahrscheinlich sind sie gerade vom Land in die Stadt gekommen und versuchen auf diese Weise Geld für ihre Familie zu verdienen, die sie praktisch nie sehen. Überall schlafen Menschen auf den Gehwegen. Andere haben eine behelfsmäßige Unterkunft mit Planen unter Bäumen oder in schlecht gepflegten Parks gefunden, ohne wirkliche Wasserversorgung. In Indien leben über die Hälfte der Menschen, die weltweit keinen Zugang zu Sanitäranlagen haben. Berichten zufolge sterben deswegen täglich tausend Kinder an Durchfall in Indien, während der Einfluss auf das Wirtschaftswachstum bei gigantischen 6,4% liegen soll.

Wer diese Seite Indiens auch nur annähernd kennen lernt, versteht globale Armutsstatistiken deutlich besser und erhält den Hauch eines Gefühls dafür, was es bedeutet, dass in Indien etwa ein Drittel aller Menschen, die in absoluter Armut weltweit leben müssen (d.h. weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag nach Kaufkraftausgleich zur Verfügung haben), sind. Mehr als zwei Drittel aller Inder haben laut Weltbank nicht mehr als zwei Dollar pro Tag zur Verfügung.

Geschwister bei mir In der Gegend auf der Straße

Wie kann man in solchen Gegensätzen auf Dauer existieren? Manche schaffen es wahrscheinlich durch Verdrängung oder Ignoranz, indem sie ausschließlich in klimatisieren Autos von einem gekühlten Gebäude zum nächsten fahren. Andere versuchen, den Menschen zu helfen und können sich auch an kleinen Gesten und Erfolgen erfreuen, während wiederum andere an der Ineffizienz des Systems verzweifeln. Bei einer Vortragsveranstaltung bezeichnete es ein Wissenschaftler, der für die Regierung zu Entwicklungsthemen arbeit, als Schande, dass auch 65 Jahre nach der Unabhängigkeit Indiens so viele Menschen in Armut, unhygienischen Bedingungen und mit schlechter Bildung existieren. Dazu muss man aber auch anerkennen, wo Indien hergekommen ist. Allein in den letzten fünf Jahren sind fünfzig Millionen Menschen in Indien aus der absoluten Armut gehoben worden. Inklusives Wachstum, das substantiell viele Jobs im formellen Sektor generiert, bleibt jedoch ein Desideratum.

Diese Zustände, diese Menschen zu erleben kann einen nicht kalt lassen. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass auch die Armen in den Slums der Großstädte ein Leben mit Höhen und Tiefen, mit Kämpfen um Anerkennung, Identität und Bedeutung führen, das in abstrakter Weise den fundamentalen Herausforderungen vieler Menschen auf der ganzen Welt ähnelt. Sie sind nicht nur Opfer, sondern haben auch Vorlieben, Geschmäcker und Ideen. Allerdings müssen sie eine deutlich steilere Wand erklimmen, als wir es uns in Europa überhaupt vorstellen können. Diese Perspektive dürfen wir nicht vergessen. Selbst wenn man nicht ständig in diesen Gegensätzen leben muss, steht es einem gut an, jede Annehmlichkeit im Leben als Privileg und Geschenk anzuerkennen und mit Demut und Bescheidenheit auszuüben.