Eskalation in Südsudan. Hier herrscht ein Krieg mit System

Der Machtkampf im Südsudan spitzt sich zu, treibt das Land knapp anderthalb Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit in einen vielschichtigen Bürgerkrieg – und reiht sich ein in das immer komplexere Konfliktfeld am Horn von Afrika.

Kiir and Machar 2019

Erschienen in Zenith Online, 03.02.2026

Südsudan erlebt ein scheinbares Paradox. Einerseits kündigen hochrangige Vertreter von Armee und Opposition Offensiven an und die Kontrolle über Gebiete wechselt. Andererseits bekräftigen sowohl Regierungs- als auch Oppositionsvertreter, dass sie am Friedensabkommen von 2018 festhalten wollen. Südsudans Bürgerkrieg zeigt, wie ein international verhandeltes Abkommen von verschiedenen Konfliktparteien instrumentalisiert wird. Denn Gewalt, oft zulasten der Zivilbevölkerung, ist dem politischen System tief eingeschrieben. Der Krieg in Sudan trägt zur Eskalation bei.

Das »Revitalisierte Abkommen zur Beendigung des Kriegs in der Republik Südsudan« (R-ARCSS) wurde im September 2018 zwischen der Regierung unter der Führung von Präsident Salva Kiir Mayardit und einer Reihe von Oppositionsgruppen geschlossen. Deren wichtigste ist die Sudan People’s Liberation Movement-in Opposition (SPLM-IO), geführt von Riek Machar Teny. Machar wurde 2020 Erster Vizepräsident als Teil einer Übergangsregierung der nationalen Einheit.

Die Umsetzung von R-ARCSS verlief äußerst schleppend. Nach sechs Jahren war gerade einmal jeder sechste Punkt umgesetzt. Die Übergangszeit wurde mehrfach verlängert – und damit auch die Aussicht auf die ersten Wahlen seit der Unabhängigkeit Südsudans im Juli 2011. Derzeit sind sie für Dezember 2026 angesetzt. Einen Wendepunkt markierte der März vergangenen Jahres. Sicherheitskräfte setzten Machar unter Hausarrest und Kiir schasste seinen Vize. Im September folgte eine Anklage wegen Hochverrats und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In dem laufenden Prozess wird Machar vorgeworfen, eine Offensive gegen die Regierungsarmee in Nasir organisiert zu haben.

Die SPLM-IO sah die Verhaftung und Entmachtung Machars als Verletzung des Friedensabkommens, das ihn persönlich als Amtsinhaber nennt. Im September 2025 rief Machars Stellvertreter Oyet Nathaniel Pierino zum Kampf für einen »Regimewandel« in Juba auf, nachdem Präsident Kiir immer mehr SPLM-IO-Mitglieder einseitig ihrer Regierungsposten enthoben hatte.

Bewaffnete Auseinandersetzungen laufen mittlerweile in mindestens sechs von Südsudans zehn Bundesstaaten. Beteiligt sind unterschiedliche Konfliktparteien, die längst nicht alle der SPLM-IO angehören. Besondere Aufmerksamkeit erregte eine Offensive der SPLM-IO in Jonglei. Deren Truppen gelang es seit Ende Dezember, mehrere Orte in dem Bundesstaat in der Region Obernil zu erobern. Mehr als 230.000 Menschen flohen aus den betroffenen Gebieten. Im Gegenzug riefen die Streitkräfte des Südsudan (SSPDF) sämtliche Zivilisten, humanitären Organisationen und UN-Mitarbeitenden dazu auf, drei Landkreise in Jonglei umgehend zu verlassen, nämlich Nyirol, Uror und Akobo. Der hochrangige SSPDF-General General Johnson Olony, zugleich Kommandeur der Agwelek-Miliz der Schilluk-Volksgruppe, rief seine Truppen vor der Gegenoffensive dazu auf, niemanden zu verschonen.

Mehrere Runden von Rebellion und Eingliederung später sind beide Seiten erheblich geschwächt, auch im Vergleich zum letzten Bürgerkrieg

Nach internationalen Protesten der Afrikanischen Union, der Vereinten Nationen und weiterer Partner ruderte ein Regierungssprecher zurück, behauptete Olony habe sich versprochen und bezeichnete das Regierungsvorgehen als »Verteidigungsmaßnahme«. »Wir sind nicht im Krieg«, sagte Informationsminister Ateny Wek Ateny und versprach, die SSPDF werde »Zivilisten schützen«. Ein Sprecher der SPLM-IO verwies in ähnlicher Art und Weise darauf, dass die SPLM-IO sich lediglich gegen die Aggression der Regierung verteidige und dass diese Maßnahmen auf dem »Völkerrecht und der Schutzverantwortung gegenüber der Bevölkerung« basierten.

Die Episode wirft ein Licht auf den systemischen Charakter von organisierter Gewalt in Südsudan. Die Regierung hat bereits in den vergangenen Jahren militärische Kampagnen in einzelnen Teilen des Landes durchgeführt. Dazu hat sie entgegen den Vorschriften des Friedensabkommens ethnisch basierte Milizen unterstützt. Die Evakuierungsorder verwischt die Trennung zwischen Zivilisten und Kombattanten, die im humanitären Völkerrecht vorgesehen ist. Immer mehr Gemeinschaften erleben den Staat als Gefahr – und mobilisieren eigene Milizen, um sich zu schützen.

Auf ethnische Zusammengehörigkeit zu setzen, hat es Regierungen seit dem 19. Jahrhundert ermöglicht, die Bevölkerung zu spalten und politisch zu schwächen. Umgekehrt war auch die Rebellion der SPLM gegen den sudanesischen Staat von erheblicher Fragmentierung und Elitenkonkurrenz geprägt – Kiir und Machar waren bereits in den 1990er-Jahren einflussreiche Figuren. Kiir spielte eine zentrale Rolle unter SPLM-Führer John Garang de Mabior. Machar setzte sich 1991 von der SPLM ab und ließ sich von Khartum unterstützen.

Mehrere Runden von Rebellion und Eingliederung später sind beide Seiten erheblich geschwächt, auch im Vergleich zum letzten Bürgerkrieg (2013–18). Die SPLM-IO ist führungslos, da Machar im Hausarrest über keinerlei Kommunikationsmöglichkeiten verfügt. Sie hat seit dem Abkommen wichtige Kommandeure und Kämpfer verloren, die sich abspalteten und später eigene Deals mit der Regierung schlossen. Lokale Milizen wie die sogenannte White Army verfolgen ihre eigenen Ziele, die nicht notwendigerweise deckungsgleich mit jenen der verbliebenen Führungspersönlichkeiten der SPLM-IO sind. Sie selbst ist eine Koalition aus kleineren Gruppen, die nur nach Notwendigkeit auch gemeinsam agieren.

Kaum eine ausländische Regierung will eine andere unterstützen, die ein Friedensabkommen offen aufgibt

Die Regierung leidet unter einer erheblichen Finanzkrise, seit der Krieg in Sudan die Öleinnahmen stark einbrechen ließ. Den Sold an die Armee zahlt sie nur unregelmäßig aus, toleriert separate, nur oberflächlich integrierte Milizen und heuert ausländische Unterstützung durch ugandische Luftstreitkräfte an. Präsident Kiir ist ein politischer Überlebenskünstler, der selbst regierungsnahe Eliten im Unklaren über seine Unterstützung lässt. Vielmehr betreibt er einen komplexen, schwer zu durchschauenden Balance-Akt, indem er sowohl aufstrebende Politiker als auch deren Gegner unterstützt, um sie jeweils in Schach zu halten. Minister sind teilweise nur wenige Wochen im Amt, bevor sie ausgetauscht werden. Gekoppelt mit der ethnischen Logik der südsudanesischen Politik haben sie so einen Anreiz, in kurzer Zeit möglichst viel für ihre jeweiligen Unterstützerkreise herauszuholen.

Das 2018 unter Vermittlung von Uganda und Sudan sowie mit Unterstützung der Regionalorganisation IGAD geschlossene R-ARCSS erfüllt trotz der Gewalteskalation gewisse Zwecke für Regierung und Opposition. Es verleiht sowohl Kiir als auch Machars SPLM-IO Legitimität. Es eröffnet der Exekutive Patronage-Möglichkeiten bis hinunter auf die Landkreisebene. Eigentlich müsste Kiir dabei die Machtteilungsquoten des Abkommens berücksichtigen, aber mittlerweile setzt er sich darüber hinweg, ohne dass ihn jemand daran hindern kann. Machars Seite kann sich zumindest formal auf diese Quoten beziehen. Eine Neuaushandlung würde ihren Zugang zu Posten (und damit zu Patronage, Lizenzen und Einkünften verschiedener Art) wahrscheinlich eher reduzieren.

Die Regierung kann das R-ARCSS als Absicherung gegen internationalen Druck einsetzen. Schließlich will kaum eine ausländische Regierung eine andere unterstützen, die ein Friedensabkommen offen aufgibt. Organisierte Gewalt gegen viele lokale Rebellionen, die sich nicht zuletzt aus dem Kampf um knappere Ressourcen ergeben, muss daher als Verteidigung des Abkommens verkauft werden. Sowohl Umwelteinflüsse (vor allem regelmäßige Überflutungen), schwindende Öleinnahmen, geringere Hilfsgelder als auch die massive Korruption erzeugen hohen Druck auf die wenigen existenten Einkommensquellen für bewaffnete Akteure. Zu diesen gehören hunderte Checkpoints, an denen jegliche Güter (informell) besteuert werden.

Die Konfliktparteien können dabei auf die Ermüdung und Ablenkung möglicher Vermittler setzen. Das R-ARCSS von 2018 ist eine revitalisierte Form des ursprünglichen Abkommens von 2015, das im Juli 2016 kollabierte. Auch damals versuchte Kiir seinen Vize Machar an den Rand zu drängen. Während seine Armee Machar verfolgte, ernannte Kiir den Verhandlungsführer der SPLM-IO, Taban Deng Gai, zum neuen Vizepräsidenten. Nach Machars Verhaftung im März 2025 trieb Kiir ein ähnliches Spiel. Er erkannte eine Abspaltung von Machars Bewegung als deren legitime Vertretung an und beförderte deren Repräsentanten auf Regierungsposten.

Die RSF kontrollieren wichtige Teile der Pipelines aus den südsudanesischen Ölquellen zum Roten Meer

Die Eskalation in Südsudan steht in engem Zusammenhang mit dem Krieg in Sudan, der den Nachbarn seit April 2023 erschüttert. Die Regierung in Juba hat versucht, die Interessen der Hauptkonfliktparteien, der Sudanesischen Armee (SAF) und den »Rapid Support Forces« (RSF), auszubalancieren. Die RSF kontrollieren wichtige Teile der Pipelines aus den südsudanesischen Ölquellen zum Roten Meer, wohingegen die SAF in Port Sudan das Sagen hat. Die Aufteilung von Ressourceneinnahmen kann die Konfliktparteien zusammenbringen. Das zeigt etwa ein trilaterales Abkommen zwischen SAF, RSF und der südsudanesischen Regierung vom Dezember 2025, nachdem die RSF die sudanesischen Ölfelder in Heglig an der Grenze erobert hatten.

Es ist allerdings möglich, dass sich die regionalen Spaltungen auch stärker im südsudanesischen Bürgerkrieg manifestieren könnten. Kiir unterhält bereits sehr gute Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), welche die RSF in Sudan militärisch unterstützen. Die VAE pflegen ein angespanntes Verhältnis zu Saudi-Arabien, das wiederum gerade eine regionale Allianz unter anderem mit Ägypten, der Türkei, Somalia, Eritrea und Pakistan aufbaut. Die SAF finden sich ebenfalls auf dieser Seite wieder.

Das trilaterale Abkommen und der Einsatz von südsudanesischen Truppen in Heglig lassen allerdings auch ein engeres Verhältnis zwischen Juba und Khartum vermuten. In diesen Kontext passt auch die Annäherung der südsudanesischen an die ägyptische Regierung, den wichtigsten Partner der SAF. Weitere für Südsudan wichtige Länder wie Äthiopien und Uganda betrachten den Krieg durch die Brille ihrer jeweiligen strategischen regionalen Interessen – ein allgemeiner Konsens zeichnet sich jedenfalls nicht ab.

Eine Neuauflage von umfassenden und inklusiven Friedensverhandlungen, wie sie Kenia vorgeschlagen hat, scheint derzeit wenig Aussicht auf Erfolg zu haben, so notwendig sie auch sein mögen. Es sieht vielmehr danach aus, dass bewaffnete Auseinandersetzungen in Südsudan zunehmen werden, während der Rahmen des Friedensabkommens offiziell aufrechterhalten wird. Zivilgesellschaftliche Akteure wie die Kirchen könnten, wie bereits in der Vergangenheit, eine friedensstiftende Rolle spielen. Ein vollständiger Kollaps der südsudanesischen Armee oder des Friedensabkommens steht nicht unmittelbar bevor. Es besteht vielmehr das Risiko, das die organisierte Gewalt in Südsudan weiter zur Normalität wird.

Photo: President Salva Kiir and Riek Machar in September 2019, source: UNMISS

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Author: Gerrit Kurtz

Researcher working on conflict prevention, diplomacy, peacekeeping and the United Nations, with a focus on the Horn of Africa. Associate, German Institute for International and Security Affairs (SWP).

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