High Tea in den Wolken

Während häufig geradezu lächerlich schlechtes Wetter meinen Aufenthalt in Darjeeling im Sinne des Wortes vernebelte, konnte ich dennoch mit der höchsten Eisenbahn Indiens fahren, prunkvolle buddhistische Klöster besuchen und vor allen Dingen reichlich herausragenden aufgebrühten Tee aus der unmittelbaren Umgebung genießen.
Darjeeling4Alle, die in den Bergen leben, haben es natürlich verinnerlicht, genauso wie jede_r Kletter_in – das Wetter am Berg ist unberechenbar. Während die Online-Wettervorhersage von Sonnenschein bei angenehmen zwanzig Grad gesprochen hatte, empfing mich nasskalter Nebel bei meiner Ankunft in Darjeeling. Von hier, am Fuße des östlichen Himalaya, sollte man einen wunderbaren Ausblick auf den höchsten Berg Indiens (und dritthöchsten Berg weltweit), den Kanchenjunga, haben. Majestätisch, mit breiten Schultern sollte er sich über dem mit grünen Teeplantagen übersäten Tal erheben. Doch das konnte ich nur aus den zum Verkauf angebotenen Postkarten erschließen. Die Stadt war in der Regel vollkommen in Wolken eingehüllt, so dass die Sicht häufig unter hundert Meter lag. Die Einwohner bestätigten zwar, dass dies sehr ungewöhnlich für diese Jahreszeit sei, aber andere Reisende berichteten auch, dass das Wetter in den letzten drei Wochen nur äußerst selten besser gewesen sei. So war an ausgedehnte Wanderungen nicht zu denken, gleichwohl die Stadt auch so Beschäftigungsmöglichkeiten bot. Entschleunigung war also unweigerlich.

Darjeeling ist die international sicher bekannteste indische Hill Station, welche die Briten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichteten, um der schwülen Hitze Kalkuttas, des damaligen kolonialen Regierungssitzes, zu entkommen. Der Marktplatz und einige alt eingesessene Hotels verraten den früheren Charakter als viktorianischer Erholungsort noch. Mittlerweile ist die Stadt jedoch stark gewachsen und kann den Einwohnern und Touristen nur noch unzureichend mit ihren engen, steilen Straßen sowie akuten Wasserengpässen Herr werden. Die meisten westlichen Touristen sind Bagpacker, die sich auf ihrem Weg zu sich selbst (und durch Indien) meist gerade auf dem Weg in die wirklichen Berge in Sikkim im Norden Darjeelings befinden.

Der auf ca. 2.200 m gelegene Bergort im Norden Westbengalens liegt gleichzeitig in einem strategisch äußerst bedeutsamen Gebiet. Nur wenige Dutzend Kilometer misst der indische Staat an seiner dünnsten Stelle hier, eingezwängt zwischen Nepal und Bangladesch. In diesem schmalen Streifen verläuft die einzige Verbindung des abgelegenen Nordostens mit dem Hauptgebiet Indiens. Die mittlerweile sieben Bundesstaaten (mit Assam als dem größten unter ihnen) sind nach wie vor deutlich schlechter entwickelt als der Durchschnitt des Landes und vielfach von bewaffneten Aufständen durchzogen. Die indische Armee kann hier weitgehend von öffentlicher Kontrolle entledigt agieren, was auch in jüngster Zeit wieder zu starken Protesten geführt hat.

Darjeeling2Im friedlichen Darjeeling ist davon kaum etwas zu spüren. Separationstendenzen lassen sich jedoch auch hier beobachten. Darjeeling ist so etwas wie die Hauptstadt von „Gurkhaland“, dem Land der Gurkhas. Die Gurkhas sind ursprünglich aus Nepal eingewanderte Inder, deren kollektive Identität stark durch die Kolonialherrschaft geprägt wurde, nicht zuletzt als Hilfstruppen der britischen Armee in den Weltkriegen. In den 1980er Jahren bildeten sich Freiheitsbewegungen der Gurkhas heraus, welche, auch mit Gewalt, einen eigenen Bundesstaat für sich forderten. Der damalige indische Premier Rajiv Gandhi konnte jedoch eine weitere Aufsplitterung des indischen Bundesstaates mit der Einrichtung eines Regionalrats für die Gurkhas verhindern. Nachdem die Hauptakteure der Gurkha-Freiheitsbewegung (Gurkha National Liberation Front) sich gut im parlamentarischen System eingerichtet hatten, wurden diese jedoch durch eine neue Bewegung (Gorkha Jana Mukti Morcha) 2007 ersetzt, welche den Forderungen neuen Schwung verlieh. Die allgegenwärtigen Schilder und Plakate für ein eigenständiges Gurkhaland vermitteln ebenfalls diesen Eindruck.

Darjeeling5Wie auch im Westen des Himalaya in Shimla haben die Briten die Hill Station nicht nur durch eine sich in steilen Serpentinen nach oben schlängelnde Straße erschlossen, sondern auch durch eine Schmalspurbahn. Dieser „Toy Train“ ist mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe. Für die etwa 70 Kilometer von der Talstation nach oben braucht er gemütliche sieben bis acht Stunden. Zurzeit ist aber wegen Erdrutschen nur ein kleiner Teil befahrbar. Die indische Eisenbahn bietet speziell für Touristen dreimal täglich einen „Joy Ride“ ins sieben Kilometer entfernte Ghum an, den höchsten Bahnhof Indiens (2438 m). Wenn möglich, wird diese Fahrt sogar noch mit Dampflokomotiven durchgeführt – bei mir musste jedoch eine Diesellokomotive ausreichen.

Darjeeling3In Ghum, wie auch in Darjeeling selbst, liegen herrliche buddhistische Klöster, die sich abseits der engen Gassen auftun. Viele der Gurkhas sind Buddhisten, die den Dalai Lama als geistiges Oberhaupt verehren, wie die Tibeter. Über und über bemalte Tempelräume der Klöster zeigen wilde Dämonenfratzen, welche die zentrale Buddhastatue einrahmen. Während die in rot-gelbe Gewänder gekleideten Mönche auf den Märkten spazieren gehen oder den Klängen ihres iPods lauschen, finden sich in den spärlich beleuchteten Gebetsräumen gern auch meditierende westliche Touristen – auch eine Art kultureller Austausch.

Vor allem ist Darjeeling aber die Königin des Teeanbaus. An jeder Ecke im Zentrum kann man die Erzeugnisse der über 80 einzelnen Anbaugebiete in der Umgebung erwerben. Das Happy Valley Tea Estate hat nicht nur den Vorteil, bequem zu Fuß zu erreichen zu sein, sondern bietet auch kostenlose Führungen durch ihre Teefabrik an. Am produktionsfreien Sonntagvormittag war ich der einzige Gast, der eine persönliche Führung durch die Anlage erhielt, welche ausschließlich für Exportmärkte in Großbritannien und Deutschland produziert. Dabei lernte ich, dass der Produktionsprozess für schwarzen Tee aus drei Grundstufen besteht – der vorsichtigen Trocknung, der Oxidation (durch Pressen, Drehen und der Zufuhr frischer Luft für drei Stunden) sowie dem Rösten. Danach werden die Teeblätter nach Größen sortiert und verpackt.

High TeaEine ganze Reihe von Faktoren ist bedeutsam für den Geschmack des Tees. Dabei sind die Größen (ganz, gebrochen, Krümel oder Staub) und die Jahreszeiten (first flush, second flush, summer und autumn) nur die offensichtlichsten. Mit Qualität haben diese nämlich noch nicht in erster Linie zu tun. Diese wird vielmehr durch die Bewirtschaftungsweise, die Unterart der Teepflanze und Abstufungen im Herstellungsprozess bestimmt. Höhenlage, Sonneneinstrahlung und Beschaffenheit des Bodens beeinflussen ebenfalls den Geschmack. Daher lassen sich auch jeweils bemerkenswerte Unterschiede zwischen einzelnen Teegärten ausmachen. Grundsätzlich, so habe ich beim Probieren und Kaufen erfahren, sind first flush Darjeelingtees sehr leicht und werden daher immer ohne Milch getrunken. Herbsttees haben dahingegen häufig einen reichhaltigeren, auch etwas bitteren Geschmack, weswegen sie gern von britischen Kunden (die ihren Tee mit Milch trinken) gekauft, wie mir ein Händler verriet. So ein exklusiver Tee ist durchaus mit edlen Weinen vergleichbar (auch preislich), und ich vermeinte in dem exklusivsten Tee, den ich probierte, feine Orangennoten auszumachen.

Natürlich muss man solch einen Tee entsprechend genießen. Dafür haben die Briten den High Tea am Nachmittag eingeführt. Dazu gibt es in Darjeeling genau die richtigen viktorianischen Etablissements. In plüschigen Sofas kann man sich in britischer Wohnzimmeratmosphäre niederlassen und den Tee eines bestimmten Teegartens bestellen. Dieser wird sogleich von einem weiß gekleideten Kellner zusammen mit zwei dünnen Scheiben trockenen Fruchtkuchens serviert. Definitiv ein Erlebnis wert!

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Author: Gerrit Kurtz

PhD student at King's College London working on conflict prevention, diplomacy, peacekeeping and foreign policy.

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