Von fliegenden Walen und einem Wald aus Blumen

London erlebt sein erstes Lichtfestival
Letzter Import – 089
In Berlin erstrahlen jedes Jahr Unter den Linden und das Brandenburger Tor sowie einige weitere öffentliche Orte in bunten Farben. Vergangenes Wochenende konnte nun auch London in sein erstes Lichtfestival eintauchen. Die Weltstadt verwandelte sich in ein Reich der Phantasie, bevölkert von den bezaubernden Schöpfungen internationaler Lichtkünstler.

Mein Besuch begann am Trafalgar Square, dem Herz der ehemaligen Kolonialmacht mit Statuen für General Havelock, der den indischen Aufstand 1857 niederschlug, und den ehemaligen Verwaltungssitzungen kolonialer Regierungen von Kanada, Südafrika, Nigeria und Australien in der näheren Umgebung. Einer der beiden zentralen Brunnen auf dem Platz war geschmückt mit einem Ring aus Licht. Bei näherem Hinsehen wurde deutlich, dass die Installation aus allerlei Plastikflaschen bestand, dem schwer vergänglichen Müll moderner Gesellschaften. Der Anblick erinnerte mich an Straßenseiten in Delhi, Puri oder Juba; eine Müllquelle und Umweltverschmutzung wurde sichtbar, die sonst den meisten Menschen hier in Europa in ihren Auswirkungen verborgen bleibt.

Den Menschenmengen folgend lief ich weiter zum Leicester Square mitten im Vergnügungsviertel Londons mit seinen Kinos, Theatern und Restaurants. Die kleine Parkfläche des Platzes war verwandelt in eine Szene aus Alice im Wunderland. Überlebensgroße Blumen und Pflanzen formten einen regelrechten Lichterwald. Neongrüne Gräser erhoben sich links und rechts des Weges, Blüten hingen herab wie Glocken und rote Spitzen krönten die gigantischen Graspflanzen.

Immer enger schoben sich die Zuschauerinnen und Zuschauer – das viertägige Festival kam trotz Temperaturen nur wenig über dem Gefrierpunkt sehr gut an. Es ging Richtung Einkaufsviertel. Piccadilly Circus ist zu normalen Zeiten schon sehr belebt, nun ging es nur noch langsam voran. Grell blendeten die Leuchtreklamen von Londons Version vom New Yorker Times Square.

Doch heute Abend spielte der Kommerz nur zweite Geige. Der Platz bietet eine beeindruckende Kulisse viktorianischer Prachtbauten, deren angestrahlte Schmuckfassaden sich in den anschließenden Straßen fortsetzen. Es war eine gebührende Bühne für meinen persönlichen Höhepunkt von London Lumiere. Der majestätische Anblick dieses Kunstwerk aus Form, Farben und Musik ließ erwachsene Menschen verstummen und mit offenem Mund gen Himmel blicken.

Drei meterlange Wal-artige Figuren mit breiten Flügeln und langgezogenem Schwanz flogen über der gekrümmten Straße. Zu mal spielerischer, mal sphärenhafter Geigen- und Klaviermusik flatterten diese Giganten der Lüfte zwischen den Häusern. Durch die ständige Bewegung mit Steuerungsseilen vom Boden erschien es so, als schwämmen die Wale über den Köpfen der Menschen. Rauf und runter, vor und zurück, von Häuserwand zu Häuserwand bogen sie sich in gemächlichen Bewegungen und wechselten dabei ihre Farben. Der sichelförmige Mond, der sich über den Ballonwalen erhob, vervollständigte die magische Atmosphäre.

Dass eine Installation in London, die naturgemäß zuerst Besucherinnen und Besucher: sprich Konsumentinnen und Konsumenten, Touristinnen und Touristen anziehen soll, überhaupt solch eine Wirkung entfalten kann, ist nicht selbstverständlich. London ist zur globalen Marke geworden, seine Sehenswürdigkeiten werden zu Hunderten in Souvenirshops als Modelle, auf T-Shirts und Postkarten verkauft und sind aus allen erdenklichen Winkeln abgeknipst und auf Festplatten und in Photobüchern festgehalten. Londons Einkaufsstraßen sind voller Geschäfte internationaler Ketten, Cafés und Restaurants sind häufig austauschbar. Wachwechsel vor Buckingham Palace oder der Geburtstag der Königin sind vor allem Schauspiele für Touristinnen und Touristen. Die Stadt und ihre Bevölkerung haben schon so viel gesehen, in ständiger Wiederholung.

Kunst, so heißt es in den Zielen des Kreativunternehmens Artichoke, welches das Festival organisierte, soll den prosaischen Alltag durchbrechen und „eine Welt erschaffen, in der wir alle gern leben würden.“ Die über dreißig Lichtinstallationen boten Raum zum Staunen, Nachdenken, und manchmal gar zum Schwärmen. Die dadurch gewonnene Inspiration kann vielleicht in der Tat den Möglichkeitsraum schaffen, in dem neues Denken für eine bessere Welt entstehen kann.

P.S.: Hier sind ein paar Photos vom Festival: https://www.flickr.com/photos/gerritkurtz/albums/72157663668637065
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Author: Gerrit Kurtz

PhD student at King's College London working on conflict prevention, diplomacy, peacekeeping and foreign policy.

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