Interview mit dem Spiegel, 26.9.2026
SPIEGEL: Herr Kurtz, erst vor vier Jahren endete der brutale Bürgerkrieg zwischen Äthiopiens Armee und der sogenannten Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF). Seit einigen Monaten scheinen die Spannungen wieder zuzunehmen. Nun haben Kämpfer der TPLF mehrere Flughäfen eingenommen, es gibt Berichte über heftige Kämpfe. Geht der Krieg jetzt wieder los?
Kurtz: In den vergangenen Monaten gab es immer wieder Kämpfe in Tigray – die waren allerdings in der Regel nach ein paar Stunden vorbei. Am vergangenen Sonntag haben die wichtigsten bewaffneten Gruppen Äthiopiens verkündet, dass sie eine »Allianz des Überlebens« bilden, die den Sturz der Regierung von Abiy Ahmed als Ziel hat. Mittlerweile spricht die TPLF selbst von Krieg. Das bedeutet nicht, dass es sich nicht wieder einfangen lässt – aber wir sehen hier schon eine ziemliche Eskalation.
SPIEGEL: Der vergangene Bürgerkrieg begann als Machtkampf zwischen der TPLF und der äthiopischen Regierung von Abiy Ahmed. Nach Schätzungen der Afrikanischen Union kostete der Krieg mehr als 600.000 Menschen das Leben, letztlich einigte man sich im Pretoria-Abkommen von 2022 auf einen Waffenstillstand. Warum scheint dieser nun zu zerbrechen?
Kurtz: Wichtige Punkte des Abkommens wurden nie umgesetzt, wie etwa die Rückkehr der Vertriebenen in ihre Heimat. Noch immer sind Hunderttausende Menschen vertrieben und leben unter extrem prekären humanitären Bedingungen. Das ist ein wichtiger Punkt, die große Frage ist jedoch eine politische: Was ist die künftige Rolle der TPLF?
Vor Abiys Amtsantritt 2018 dominierte die von Tigrayern geführte TPLF über Jahrzehnte die äthiopische Staats- und Sicherheitsordnung. Während des Krieges wurde die TPLF verboten, nach dem Kriegsende hätten sie sich laut Vorgaben aus Addis Abeba neu als Partei registrieren müssen – das wollte man aber in Mekelle auf keinen Fall.
Im Mai erklärte die TPLF schließlich, dass sie die von Abiy eingesetzte Übergangsregierung nicht anerkennen werde und man eine konkurrierende Regionalregierung bilde. Diese wurde dann wiederum von Addis Abeba nicht anerkannt. Das erinnerte bereits an die politische Konstellation vor dem November 2020, als der Bürgerkrieg ausbrach.
»Die Rebellen wissen noch aus dem vergangenen Krieg, dass es nicht so leicht ist, nach Addis Abeba zu marschieren.«
SPIEGEL: Gab es nun einen konkreten Auslöser?
Kurtz: Die Gründung der Rebellenallianz war lange vorbereitet worden. Dass wenige Tage nach ihrer Verkündung der Krieg beginnt, ist sicher kein Zufall. Im Juni haben Parlamentswahlen stattgefunden, Tigray blieb von der Wahl ausgeschlossen. Am 5. Oktober kommt das neue Parlament erstmals zusammen. Möglicherweise hat dieser Termin auch eine Rolle gespielt.
SPIEGEL: In der Allianz haben sich Rebellengruppen zusammengeschlossen, die einst gegeneinander kämpften. Nun ist ihr erklärtes Ziel, die Regierung zu stürzen.
Kurtz: Ja, und bis vor Kurzem haben sie das noch nicht so explizit gesagt. Das Hauptziel ist sicher, die Regierung massiv unter Druck zu setzen. Die Rebellen wissen noch aus dem vergangenen Krieg, dass es nicht so leicht ist, nach Addis Abeba zu marschieren.
SPIEGEL: Die Regierung von Abiy Ahmed wird von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt. Hat die Rebellenallianz ebenfalls ausländische Geldgeber im Rücken?
Kurtz: Nicht im gleichen Maße. Sie erhalten Unterstützung aus Eritrea, auch wenn der Nachbarstaat nicht Teil des neuen Bündnisses ist. Aber die Regierung in Asmara schickt anscheinend Munition und Waffen an die TPLF. Eine größere eritreische Truppenpräsenz in Tigray haben wir bislang nicht gesehen, das scheint auch nicht die Erwartung der Allianz zu sein. Die Rückendeckung ist geografisch wichtig: Im vergangenen Krieg konnten die Regierungstruppen die TPLF komplett isolieren, indem sie die Grenze in Zusammenarbeit mit Eritrea dichtmachten. Damals war Eritrea mit Äthiopien verbündet. Insofern ist die Versorgung aus Eritrea für die Rebellen sehr wichtig, das Land hat – anders als Äthiopien, mehrere Häfen.
SPIEGEL: Die isolierte, langjährige Diktatur Eritrea verfügt jedoch nicht über dieselben finanziellen Mittel wie die Emirate.
Kurtz: Das stimmt. Der wohl potenteste mögliche Partner für die Rebellenallianz wäre Ägypten. Kairo streitet mit Addis Abeba um die Nutzung des Nilwassers, und hat sich im Zuge dessen in den vergangenen Monaten sehr stark an Eritrea angenähert. Bislang gibt es aber keine Beweise für eine direkte ägyptische Unterstützung äthiopischer Rebellen.
»Man hätte die Eskalation in den vergangenen Monaten verhindern können.«
SPIEGEL: Äthiopien grenzt an den Sudan, wo seit über drei Jahren ein verheerender Bürgerkrieg geführt wird. Die sudanesische Armee wirft Äthiopien vor, die Rapid Support Forces (RSF) zu unterstützen. Könnte sich der Konflikt in einen Regionalkrieg wandeln?
Kurtz: Die Gefahr besteht, dass die Konflikte sich stärker verbinden – obwohl ihre Ursachen unterschiedlich sind. Schon jetzt sehen wir grenzüberschreitende Angriffe. Es gab eine ganze Reihe von Berichten über Drohnen, die aus Äthiopien in den Sudan geschickt worden sind, auch Waffen werden über die Grenze an die RSF geliefert. Bislang ist es nicht zu einem zwischenstaatlichen Konflikt zwischen Äthiopien und Sudan gekommen, auch, weil da offenbar gute Geheimdienstkontakte bestehen. Trotzdem stellt sich die Frage, wie weit das noch geht.
SPIEGEL: Lässt sich eine weitere Eskalation noch verhindern, und wenn ja, von wem?
Kurtz: Man hätte die Eskalation in den vergangenen Monaten verhindern können. Es gab genug Warnungen. Dieser Konflikt hat sich seit Monaten aufgebaut und die internationale Reaktion war nicht entschieden genug. Es gab Versuche der Mediation durch die Afrikanische Union, aber diese waren nicht besonders erfolgreich. Die USA haben versucht zu vermitteln, ließen aber gleichzeitig Sanktionen gegen die eritreische Regierung auslaufen, genau wie ein Waffenembargo gegen Äthiopien. Natürlich gab es immer wieder Aufrufe, das Waffenstillstandsabkommen von Pretoria umzusetzen, aber zu wenig konkrete Bemühungen, sowohl auf die äthiopische Regierung als auch auf die TPLF einzuwirken.
Wer jetzt noch eine Rolle spielen könnte, sind die arabischen Länder. Die Emirate haben viel Einfluss in Addis Abeba, Saudi-Arabien hat gewisse Kontakte nach Eritrea. Natürlich braucht es diplomatische Initiativen. Aber wenn man jetzt glaubt, man könne einfach eine neue Initiative anfangen, sollte man nicht vergessen, welche Fehler man schon gemacht hat.